An einem klaren warmen Morgen am gedeckten Frühstückstisch sitzen, Sonne wärmt und Kaffee dampft, mit Freunden Pläne schmieden für den Tag und nichts zu erledigen zu haben außer eben diesen Tag - nur weniges ist schöner. Was ist dann alles möglich? Was alles möglich ist!
Hier geht das Frühjahr grad erst in die Büte, ein Gewitter überraschte uns in den Bergen, wir standen im Gras am vergessenen jüdischen Friedhof, sahen die Bauruine eines zur Sowietzeit geplanten großen Krankenhauses, das jetzt, wo es in der freien Ukraine überhaupt keine Krankenkasse gibt, schon aus Geldgründen der Patienten überdimensioniert wäre. Davon abgesehen, dass viele diese Gegend verlassen, womit sollen sie auch Geld verdienen und wovon leben, wenn der Job eines Informatikers umgerechnet 50 € monatlich einbringt?
Die Heiterkeit auf einer Alm, die wir besuchten und der schnapsbetäubte Jüngling auf der Straßenbank im Tal, dessen Handy andauernd eine schnurrige Melodien zirpte, und er wird nicht wach. Die Alte im Häuschen neben dem Friedhof, die sich neugierig der Fremden drüben vergewissert, im Zeitlupentempo zu uns hinstrebt, dann vor Schwerhörigkeit schreit, aber nicht mehr weg will, so begeistert von fremden Mernschen um sie rum. Mit 19 kam sie aus den Bergen in die kleine Stadt, jetzt ist sie 80. Und die Frage, so um Mittag, wie oft hier in der Ukraine ,die Intelligenz‘ vernichtet wurde in den letzten hundert Jahren, von wem, warum. Wozu?
Es ist anders, wenn man nicht allein ist. Es wird so viel gesehn, erlebt, geredet, der Drang, mich mitzuteilen, viel geringer. Plötzlich ist der Tag schon rum. Ich hoffe, morgen sind die Wolken wieder weg und Platz für Kaffee und die Sonne und den Tisch da unten, und uns dran.
quer - 23. Mai, 20:59
Abendgeräusche, in großer Runde bei Anna und Stepan in Werchowyna, herzlich begrüßt, und ich habe den einsamen Besuch in der Kälte vor einem Jahr noch wach im Gedächtnis, jetzt ist es anders. Ein wlan ist installiert, es bleibt so lange hell und warm, dass wir ziellos plaudern, lachen, Musik hören, schreiben, ein wenig jeder auf sich selbst bezogen, ’Internet-Club‘ wird gerufen, Gabriela und Uwe führen die ersten Interviews und entwerfen Pläne für die nächsten Tage, wir fühlen uns frei davon, Jarek powert U-Tube-Videos von Elvis Costello und Willie Nelson in die Runde, ja, es ist anders als letztes Mal. Ein entlegener Punkt ist ein wenig mehr in die Welt gerückt, das macht ihn unschärfer fürs Erleben. Dabei führe ich diese Unschärfe ja mit mir - was ein altes, grundsätzliches Thema ist, für jeden Reisenden zumindest. Auf der Herfahrt, als er schwungvoll durch ein paar Kühe durchgefahren war und einem gaulgezogenen Leiterwagen ausgewichen, sagte Jarek: Wir sind die letzten, die das hier noch so erleben. Technik, Wohlstand, Organisation wird auch dieses Land umprägen. Gabriela erinnert dieser Teil der Ukraine an das Polen ihrer Kindheit vor 30 Jahren, und sie misst daran den Fortschritt seitdem. Ich werde, wenn ich irgendwann nochmal nach Kreta fahre, bestimmt erschocken sein von den Veränderungen, nein: erleichtert, dass sie so krass nicht sind, wie ich vermutete, nein: begeistert, dass fast nichts mehr da ist von damals - und nachher ganz traurig.
Es wird feucht hier draußenb und kalt jetzt, und die Tasten sind schwer zu finden beim Tippen. Also ein Weg zum Fluss und Gutnacht...
quer - 22. Mai, 20:39
Mit den gleichen Aluminiumlaptops uns gegenüber im 9.Stock des Hotel Dnister sitzen wir, Park und Altstadt unter uns, und die weitläufigen Wohnschachtelstadtviertel an den Hängen jenseits wie ausgestreut. Siebenhunderttausend Einwohner - Lembergs Innenstadt wirkt nicht so groß und auch nicht gemacht dafür, auch wenn sie heute am Samstag mit Besuchern, Händlern, Käufern und Müßiggängern gut angefüllt ist. Es gibt keine Riesen-Malls, keine Kinopaläste, auch keine Parkhäuser - keine Ahnung, ob das alles, was eine Großstadt doch ausmachen soll, nur ausgelagert ist. Die Anziehung hier, so altmodisch scheints zu sein, sind noch die Märkte, Boulevards, vielleicht Theater und Oper, das Flanieren, sich zeigen und gezeigt werden. Gestern abend ging es los, Wochenendfeier, Tangotanzpaare im Pavillon des Ivano Franko-Parks, seit 200 Jahren steht dieser Ort dem Volk für Vergnügen zu seiner freien Verfügung. Auf dem Foto, das ich machte, sah es nachher aus wie Dreharbeiten, die vielleicht Lars von Trier sofort nach dem Rausschmiss aus Cannes hier begonnen hat, seine Blödkraftmeierei wäre vielleicht auf taubere Ohren gestoßen als dort.

Der Gang durchs Geschichtsmuseum vorhin jedenfalls markierte - wenn man, wie wir, nur den paar englischen Erläuterungen folgen kann und nicht den vielen kyrillischen - als die Hauptfeinde der Ukrainer im letzten Jahrhundert die Sowietrussen mit Abstand und danach die Polen, die deutsche Besetzung ist kaum erwähnt. Das wusste ich eigentlich vorher, es erschrickt dann aber doch. Trotzdem ist Geschichte diesmal nicht das Thema, das mich fesselt, vielleicht ändert es sich mit dem andern Teil unsrer Reisegruppe, den wir erwarten. Es sind mehr die Stimmen und Klänge (vielleicht liegt es am hellhörigen Mikro, das ich dabei hab), sind Arm und Reich, Off-Roader auf dem Zebrastreifen geparkt, über den der Alte schleicht, der die Mülltonnen durchstöbert, Anorakmädchen vom Land mit Schlurfschritt am Wiener Cafe entlang, überholt von der Gleichaltrigen mit schwingender Hüfte und neuestem Elektroniktraum um die Ohren. Es ist ein Schwung in der Stadt, aber hat er mit Fortschritt zu tun? Stimmt es, dass die meisten jungen Leute hier weg wollen? Eben läuft eine Enya-Schnulze, und ich hoffe grad sehr, dass diesem Land das gleiche Schicksal erspart bleibt wie Irland, für scheinbaren Wohlstand ein Bankenfutter zu werden. Die Melancholie, die dann aufkommt, ist, wie man hört, richtig mies. (Auch Enya war mal ein schlurfendes unausgeschlafenes Mädchen, das meiner damaligen Freundin und mir den Kaffee zum Frühstück brachte in der Familienpension von ,Clannad‘, Ende der 70ger).
Die Straßenbahnen hier werden von Frauen gelenkt, und die schlimmsten Gleise sind aufgerissen, um für den Ansturm Europas im nächsten Jahr repariert zu sein. Das war nötig. Mehr erstmal nicht.

quer - 21. Mai, 18:09
Zwei Orte, wo Massen sich sammeln: Krakauer Markt und Lycakivs’ke- Friedhof. Zwischen beiden teilten wir den hellen Tag heute auf. Der Markt war nur locker besucht am Freitag, die Dörfler mit frischen Wochenendwaren erst für morgen erwartet. Fleischhauer schliffen die Messer so, dass ich mein neues Mikro scheinbar telefonierend mitten durch das wetzende Geräusch durchtragen konnte. Eine Samenverkäuferin hielt uns einen blendenden, unverstandenen Vortrag betreffend die Einsaat weißer Erdbeeren, wir nickten und bedankten uns. Es wurde heiß, Lücken zwischen den Menschen sorgten für noch mehr Sonne, griechisches Licht in den Höfen. Noch weniger Masse Anwohner dann auf dem Friedhof, stattdessen die Steine, Namen von Abkömmlingen mehrerer Völker, manche sich angleichend, wie sichs gehört, Hübnerow, Schulzerowa, Ethniker jeder Coleur sehen es grausend, uns freuts. Ich empfand nach 2 Stunden aber die Anwesenheit jener schweigenden Masse unter dem Boden als ein bisschen zerrend, schwergliedrig machend.
Also zurück in die Altstadt mit gewaltig rumpelnder, schwankender Straßenbahn, in schattigem Innenhof ein Studentencafe, Amerikano und griechischer Salat, begleitet von leisem Geplauder und folkiger Musik, an solchen Stellen ist die Stadt so westlich jung wie das Avignon, das ich aus dem Jahr 1969 in Erinnerung habe. Können Entwicklungen sich wiederholen?
Eh wir dann essen gehen, jetzt keine Antwort auf sowas, sondern Entspannung, die uns die Hunde am Markt schon vorgemacht haben.

Erholung setzt ein. Das Frühstück (mit neuer Kaffeemaschine) ist immer noch eine Pracht.
quer - 20. Mai, 18:34
19.5.
Wie ein sanftes Gleiten erscheint die Fahrt im Nachhinein, so glatt, verzahnt und paniklos bewegte sie uns, bewegten wir uns in ihr, von fünf Uhr früh bis in den Mittag, 12 nach unsrer Zeit, in der Wohnung aneinander vorbei auf praktische Handgriffe konzentriert, ins Taxi 10 nach 6, am Flughafen entspannte Runde nach heiterer Gepäckabgabe, entsetzt von Äpfelpreisen für das Stück 1,20, dann doch ein Kaffee, doch ein Apfel, eine Zeitung, eingecheckt, still südlich mit sehr Vielen, in München dann keine weitere Kontrolle, gut gewiesener Pfad quer durch die Riesenhalle, und schon mit kleinerer Maschine nördlich-östlich, an Prag und Krakau längs mit etwas Catering und Sicht auf Ostalpen, Karpaten. Die Landung in Lviv harsch, Fotografieren des hübschen Flughafenhaupthäuschens streng beäugt von älteren Einheimischen, aber die Schlange vor den Passkontrollschaltern zügig abgearbeitet von Grenzpolizei und Zoll, tatsächlich das Gepäck auch da, seit Berlin ganz ohne uns, draußen der Trolley Nr. 9, rumpelt stadteinwärts für zweimal 10 cent Fahrgeld, durch den bunten Mittagspark, nach Ivan Franko benannt wie vieles hier, ins Hotel Dnister 13:10. Dort eine Traube Gruppenmenschen, zum ersten Mal seit morgens stockt es, muss man unerwartet warten, aber dann das Zimmer, 7. Stock mit Blick zur Stadt, es ist so wie erhofft.
Diese Stadt muss doch eigentlich jedem gefallen. Das findet auch Volodymyr Kachmar vom Reisebüro Lemberg Tours, studierter Germanist, wie er auf Kristjanes Frage erzählte, Vorfahren Ukrainer, Slowaken, Lemken (ein karpatisches Bergvolk, so klein an Zahl, dass die Huzulen daran gemessen Populisten sind), der durchblicken ließ, hier sei vielleicht der letzte stille Sommer grad am Aufdrehen, denn nächstes Jahr mit der EM käme der Strom zehntausender Fussballfans, der sich ja nachstauen und so sich in die Stadt und Gegend verlieben könnte wie zumindest ich. Kristjane sagt auf unserm Bummelweg, sie fänd es auch sehr schön.
Sehr müde aber sind wir auch. Also Schluss für heute. Die Nachbeleuchtung der Gebäude in der Altstadt und am Schlossberg dahinter hat sich um einen monströsen Sendeturm erweitert, der früher nachts gar nicht zu merken war, jetzt regenbogenfarben schimmert.



quer - 19. Mai, 21:46
Ich packe mein Klavier ein. 11.8. gehts solo los um 20 Uhr in der Kirche von Carwitz/Feldberger Seenplatte - an den Tagen danach tourt die Liedertour durch Sachsen und Thüringen - mit Kokott, Dirk Zöllner, Francis D.D.String und vielen anderen.
Die Klamotten trocknen noch. Der Regen in Delitzsch gestern passte zu Freitag, 13. Aber die erstaunlich gut gelaunten Zuschauer hielten durch, wahre Nässe-Helden!
Heut gehts nach Plinz, wo zumindest die Plastiken & Elfen des Galeristen durchhalten werden. Aber es soll ja trocken bleiben.
Ich hoffe auf ein Indoor-Konzert, denn behinddoor (wie man galeristiscvh sagt), steht ein Flügel.
Wenn ich nach Plinz komme, denke ich jedesmal: Hier kann doch kein Konzert stattfinden, so einsam ist es. Der Garten der Stille ist voller neuer Figuren, die bunter und munterer sind als die alten, und durchs Haus balancieren die Siebenschläfer. Aber plötzlich sitzen da knapp hundert Menschen, 99, um korrekt zu sein. Gestern achteten sie auf jede Feinheit bei jedem Auftretenden, und es herrschte vollendete Harmonie. Das vergisst man nicht.
quer - 15. Aug, 11:29
Cluj, gesprochen Klusch, Klausenburg oder Kolozsvar, eine jahrhundertelang halb sächsische, halb ungarische Stadt, später Sitz der nationalen ungarischen Bewegung, erst um 1960 bekam es eine mehrheitlich rumänische Bevölkerung. Die Ungarn hatten zu Hilfe der Nazis vorher ca 16000 Juden in Lager verfrachtet (und selbst vernichtet?), waren nach Einmarsch der Roten Armee dann selber geflohen, und erst die Industrialisierung der Uni - und Verwaltungsstadt hatte landflüchtige Rumänen reichlich nachziehen lassen. 1974 bekam die Stadt noch den Zusatz 'Napoca' verliehen, nach der römischen Siedlung, die hier bestanden hat.
Die sehr nette junge Beraterin im Tourist-Infoshop, die sich so freute, als ich, der natürlich mit Englisch angefangen hatte, plötzlich 'zwei' sagte ("ach, man hat zwei Fahrten auf einem Ticket?" - "zwei?, ach, dann sprechen Sie deutsch?!" ), schrieb mir ein paar rumänische Floskeln auf, wir lachten viel und schauten uns in die Augen, bei irgendeinem Wort sagte ich übermütig: "klingt wie ungarisch", sie stockte, dachte wahrscheinlich: der meint das nicht so, und sagte sehr entschieden: "Nein."
Cluj liegt genauso weit weg von Bukarest und Budapest wie von Belgrad. Würde ich morgen nicht nach Dortmund zurück - und 'hoch'fliegen, könnte ich mir einen Bus nach Serbien suchen, das würde zu dieser Reise gut passen. Cluj ist Unistadt, Handelsplatz, nachts in den alten Gemäuern haben Clubs auf mit neuester Elektromusik, tags spielen Gypsymusikanten, ich trudelte abends in eine riesige, matt beleuchtete Bingohalle, aß billig Leber mit Krautsalat, wurde von der bisschen bedudelten Kellnerin fast mit der Vorsuppe überschüttet, "komm wieder, morgen", sagte sie zum Abschied.
Überhaupt sprechen viele deutsch. Als ich mit einem frischen Unterhemd im Kaufhaus an der Kasse stand, meinte die Verkäuferin, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben: "Zu groß, ist zu groß", und gab mir ein kleineres.
Sachsen kommen zurück, manche waren nie weg, zwischen der Zeit, wo sich die Mädchen Nylonstrümpfe auf die Beine malten und bestenfalls nach Moskau kamen oder Ostberlin, und den Jahresstipendien in Stockholm, Melbourne oder Mexiko-City jetzt ist ein Riesengraben. Dreißig Jahre, wie wenig Zeit...
Cluj ist wohlhabend. Kanada wirbt hier wie in Moldavien mit Emigration, aber hier ist Europa nicht nur mit Fahnen an Häusern präsent. Eine Busfahrt kostet sieben mal soviel wie in Chisinau, und es wird als billig empfunden. "In Budapest kommt der Preisschock", sagt Jonas und meint den Flughafen bei Zwischenstopps - hier vielleicht ist schon ein bisschen Budapester Vorgarten. Hochsommer jetzt, ich sitze am Springbrunnen mitten in der Stadt, eine Uniabschlussclique feiert sich und fotografiert sich in allen Konstellationen, zwei missgelaunte jüngere Frauen betteln, neben mir auf der Bank probiert ein alter Mann sein neues Handy aus. Mittagshitze, hinter mir der Palast der Banffis, ungar. Adel, einer von vielen Palästen, die sie zurückfordern gerade.
Einer der Banffis hat in den 30ern einen dreibändigen historischen Schinken geschrieben, der um 1920 spielt und sich wunderbar liest, jedenfalls auf Englisch, schreit nach Übersetzung auch ins Deutsche, und nach Film, ich habe ihn gerade in Cunt angefangen zu lesen. Jetzt kommen neue Doktoranden, mit Käppi und Robe, fallen fast in den Springbrunnen.
Zu dem Ball, den Ulrike, Jonas und Benze in genau einem Monat hier bei Cluj, Kolozcvar auf einem Schloss organisieren werden, hat Prinz Charles soeben zugesagt. Ich denke an die schöne Kutschfahrt, die wir vorgestern noch gewagt haben, haarscharf vor einem Gewitter in die verlassene Staatsplantage voll mit Apfelbäumen, zahlreiche Hektar. Ein einsamer alter Mann bewacht das Ganze, 700 Menschen haben hier gearbeitet, es war jetzt wunderbar still dort, 'was für Leben muss hier gewesen sein'', dachte ich.
Keiner erntet mehr.
Herrlich heiß, und zum ersten Mal seit Odessa nicht schwül dabei. Mein letzter Tag, ich mache mich auf den Weg.
Es grollt dann doch von fern. Friedhofspaziergang, Villen mit Chauffeuren, dazwischen aber auch windschiefe Häuschen mit ganz viel Kinderspielzeug davor. Windspiele und Straßenköter beschnüffeln sich. Dann der Botanische Garten, hier direkt an die Universitatule angeschlossen, wirkt eng und verwissenschaftlicht, weitet sich aber und wird zum Irrgarten. Japanischer Teich, Wildwasser, tiefer Wald, Kunstfelsen und geheimnisvolle Statuen. Da kann Chisinau nicht mithalten. (Auf der Ausfallstraße vorhin ein großer komfortabler Bus nach Chisinau, er wird ca.14 Stunden fahren, jetzt ist es 18 Uhr, gegen 6 ist er an der Grenze. Ich seh den Anfang der nächsten Reise vor mir.)
Dann doch ein kleines Gewitter, ich war grad im Aussichtscafé, sie packten dort hastig zusammen, jetzt Stadtnacht. Sehr ähnlich wie in Lviv, was zum angenehmen Eintauchen. Ich breche ab, um von dem Abend noch was zu haben. Verschreiben kann ich die Abende immer noch.
quer - 2. Jul, 13:34
Ungarn, westlicher Nachbar, rückt in den Blick bei meinem langen Aufenthalt hier. Die Adelsschicht Ungarns hat knapp 1000 Jahre lang Transsylvanien 'besessen', regiert, mal direkt, mal in Schutz und Windschatten der Habsburger Dynastie. Außerdem leben und arbeiten hier Ungarn, und es gibt noch die Szekler, besonders alt ausgewiesen, quasi besonders ungarische Ungarn. Erst nach dem 1. Weltkrieg kam Transsylvanien zu Rumänien, dem kurz vorher gegründeten Staat.
"Der Bevölkerung, überwiegend Rumänen, war das wohl nur Recht", drückt ein ungarnfreundlicher Autor die Tatsache dieser nationalen Heimführung aus, wie nett. Ungarn, heißt es hier, sind furchtbar nationalistisch. Sie bewahren ihre Folklore eisern. Außerdem sind Ungarn Machos. Aber Ungarn sind auch die Gehobenen, Kulturmenschen. Ihr Reichtum ist alt, während der der städtischen Rumänen in den letzten zwanzig Jahren entstand, also protzen sie mehr damit.
Die Rumänen, jedenfalls in Transsylvanien, so mein Eindruck, waren lange die Arbeiter, Tagelöhnermasse, anzuleitendes Volk. Ähnlich wie die Ukrainer ein Land weiter nördlich, auch sie geschickt ruhig gestellt von der Habsburger Administration, die Rolle der Ungarn nahmen dort die Polen ein. Beide Male interessant, wie Nazideutschland sich als
Verbündeter der Unterschicht aufspielen konnte, bis es die Maske fallenließ - Hitler/Stalin - Pakt, Slawenvernichtung.
Ich sitze auf der Veranda des Restaurants, alle schlafen, Pferde, Grillen und irgendwo der dicke Nachtwächter, das Wetter ist anscheinend umgeschlagen, 10 Grad wärmer plötzlich, alles lebt auf unterm Sommernachtshimmel, was hab ich mich in den 5 Regentunnelnächten danach gesehnt!
Die protzigen Großstadtrumänen kommen hier ins Lokal und die adligen Ungarn auch. Es liegt an Jonas' hervorragender Küche, die Empfehlungen in Gourmetmagazinen und auf angesagten Netzseiten gebracht hat. Einmal soll die inoffizielle Kronprinzessin der ungarischen Königsfamilie dabei gewesen sein, ein kleines Kind, vor dem auf der modrigen Dorfstraße dann ein paar ungarischstämmige Dorfbewohner plötzlich auf die Knie fielen und ihm die Hand küssten. Dem Kind soll das gar nicht ungewohnt gewesen sein.
Vorgestern war der Forstverwalter einer ungarischen Adelsfamilie mit Besitz im Rumänien zu Besuch, ein anregender deutscher junger Mann, genannt Benze, mit seiner rumänischen Freundin, die als Architektin hofft, bald in Berlin zu arbeiten. Es wurden sofort Witze über Rumänen und Ungarn gemacht. Ein Paar aus Bukarest, das am Nebentisch saß, kriegte das meiste mit, mir war das unangenehm, als einzigem, glaub ich. Ich gebe zu, vom Bukarester gedacht zu haben, er sei so ein protziger Neureicher mit seinem Off-Roader, dem Rennrad, dem kleineren Allrad zuhause, von dem er erzählte, für Geländetouren mit Freunden, mit seinem "unfortunately Yes" auf meine Frage, ob das grad eine Zigeunersiedlung gewesen sei am Ende eines Dorfes, an dem wir vorbeifuhren - aber dann las ich seine Eintragung ins Gästebuch auf Englisch, so zart und schwungvoll ("what can you write into a guestbook, if you were treated as a friend?"), und meine Voreingenommenheit zerstob.
Besagter Benze hält es für einen volkswirtschaftlichen Vorteil, dass Wald Privatbesitz bleibt bzw. wieder wurde, und hat als Gegenbild den korrupten rumänischen Staat vor Augen. Dass Korruption hier die Ausgangslage ist, sagt jeder. Wobei es vielleicht einfacher ist, bei einer Bürokratie Fehler zu finden als bei einer womöglich menschlich zugeneigten oder charismatischen Besitzer-'Familie'. Ich selbst halte eigentlich das Erbrecht für die größte Korruption, denn es gibt Menschen Macht, die dafür nichts leisten mussten als geboren zu werden. Mit der Meinung steh ich allein, wie ich weiß.
Der ungarische Adel in Rumänien wurde übrigens nach 89 voll entschädigt oder wenn gewünscht wieder ins Besitzverhältnis gesetzt. Trotzdem nage ein bitterer Zorn über die schleichende Vernichtung des Ungartums an seinen quicklebendigen Exponenten, sagen leicht genervt Ulrike, Jonas und Benze.
Vielleicht prägen aber die Zigeuner dieses Land mehr als angenommen. Beim Rumfahren mit dem Mietauto kommt es mir so vor. Bizarre Gestalten, jung, alt, hell, dunkel, man lagert vor den Häusern, hängt an den Brücken rum. Viele Rumänen wären gar nicht registriert, erzählt jemand, viele Zigeuner geben sich als Sachsen oder Ungarn aus.
Statistiken relativieren sich, Schwarzarbeit liegt so nah. Die rasende, durch Schlaglöcher kontrollierte Kette der Autos wird demütig langsam, wenn ein entgegenkommendes Fahrzeug blinkt. Dann ist Polizeikontrolle zu erwarten. Ist die vorbei, wird gleich wieder gerast. Es geht nicht so dumpf bretternd zu wie in Moldavien, aber man kann nie entspannen, schon wegen der Schlaglöcher nicht, die hier nach glatter Fahrt über Kilometer als plötzliche Vertiefung, echtes Loch, auftauchen, einen anspringen. Reifen kollern ab, ich hab's gesehn.
Fahrt nach Hermannstadt, Sibiu. War 2007 europ. Kulturhauptstadt, dementsprechend hinweisfroh und mehrsprachig beschildert ist alles irgendwie Alte. Tourismus blüht selbst in dem widerlichen Nieselregen, in dem ich ankomme und mir einpräge, wo das Auto steht. Detail bei der Stadtpfarrkirche: die Orgel von 1915 stammt von der Firma Sauer aus Frankfurt/Oder, mit der auch Hanns Henny Jahnn ein paar Jahre später zusammearbeitete, und war eine ihrer ersten elektropneumatischen Werke.
Besonders hübsch: Die Piata Mica, der 'Kleine Ring', Marktplatz der Handwerker. Voll Cafés jetzt, freundlich und preiswert. Ich streife das offensichtlich deutsch geprägte Musiklokal Hermania, ein Saal mit Kamin, Instrumenten, einer 'Willkomens-Tafel', Kellnern in Tracht und penetrant deutschem Schlager über die Boxen, 'Das Fass ist leer' usw.
Dann ins Völkerkundemuseum 'Franz Binder', der im 19. Jahrhundert hier als Apotheker lebte und eine Weile österreichischer Konsul in Khartoum war. Fing an, Kult - und Kunstgegenstände vom Nil zu sammeln, gründete eine ethnologische Gesellschaft in Hermannstadt, Grundlage des Museums, das später mit anderen Einrichtungen tauschte und seit 1993 auch Geschänke afrikanischer und asiatischer Staatschefs an Ceauscescu mit ausstellt. Ein Sammelsurium. Mich führt sehr nett ein älterer Herr mit rudimentären, stark dialektgefärbten Deutschkenntnissen (ich verstehe halb, dass er sich die auf einer 'sächsischen' Schule in der Kindheit erworben hat, selbst aber Rumäne ist), der mich von Raum zu Raum mit leisen Rufen lockt wie: "Schau! Alt, särr alt, fürr Frau, zu Schmuck. Hals. Särr eng! Von Ceauscescu." Mit einem sanften ironischen Lächeln immer. Die Ausstellung mündet in der Präsentation einer echten ägyptischen Mumie aus ptolomäischer Zeit samt Beschreibung der Tochter des Konsuls, der sie 1905 einem anderen Ausgräber in Luxor wegschnappte bzw. in letzter Minute gegen eine, "die stank", zurücktauschte. Dieser Brief und die lächelnden Bemerkungen meines Führers kontrastieren aufs Angenehmste mit den großen Themen, unter die das Museum seine Sammlung stellt: "Reglosigkeit. Die Haltung dem Tod gegenüber." Oder: "Die possessive Geste. Aquisition und Aggression."
Ähnliche Überschriften gab es auch im Museum zu Chisinau - eine Generation postmoderner, strukturalistisch geformter Ethnologen ist in den Chefsesseln gelandet, weltweit wahrscheinlich.
Rückfahrt an der Wehrkirche von Birthälm vorbei, ab hier ist wieder Sommer, Menschen stellen Bücher nach draußen mit Geschichten und Filmen zum Thema Siebenbürger Sachaen, und reden in einem halsbrecherischen Uraltsüddeutsch miteinander, dass es eine Freude ist, Mäuschen zu spielen und zu lauschen (das schnell angeknippste Handy nimmt leider zu dumpf auf in der Jacke). Der Kirchgang selbst wird ein bisschen verleidet durch zwei laute Bildungsschichtler reichsdeutscher Provinienz, die hier alles kennen, besser wissen als die Einheimischen und vor allem, hätten sie nur die Zeit dafür, alles auch besser in Schuss hielten. Aber sie müssen ja Schulen leiten in Niedersachsen und Schwaben - wer, wenn nicht sie?
Während Deutschland gegen England anspielt, durchquere ich das Nest Scharosch an der Kokel, einst deutsch, jetzt Zigeunerdorf. In der Abendsonne liegt, fläzt alles vor den Häusern, ausgespuckt wird, cool gewinkt, vor dem Auto mit Hüftschwung einherstolziert. Bisschen später Straßenstände mit Kupferkesseln, kleinen Handkaffeemaschinen, Besteck. Wildbärtige Gesellen, aufgeregt winkende Frauen. Irgendwas hält mich ab, zu halten, der Verkehr, Sorge um das Mietauto, meine Unfähigkeit, Nein zu sagen?
Hier ein paar Ausschnitte aus dem Buch von Franz Remmel über die rumänischen Roma:
"Die Zigeuner nehmen an, sie hätten ein Vorrecht auf Ostern. Der Sage nach haben ihre Vorfahren die Nägel geschmiedet, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde. Um aber die Pein des Herrn zu lindern, haben sie einen der Nägel gestohlen. Weil nur noch drei Nägel übrig waren, legten die Häscher Christus die Füße übereinander und
schlugen beide mit einem Nagel an."
"Gegen den neugewählten Bürgermeister demonstrieren die Roma in Târsa/Kreis Alba. Als Gegenleistung für die Unterstützung seiner Kandidatur hatte er jedem Roma-Wäeine einen Sack Kondome versprochen. Die Stimmenmehrheit hatte der Kandidat erzielt, aber die Kondome kamen nicht."
"Mehrere rumänische Eltern schwächerer Schüler haben sich als Roma erklärt, sich in Romaorganisationen eingeschrieben und eine Bescheinigung über ihre vorgetäuschte neue ethnische Zugehörigkeit erbracht. Grund dafür war die bevorzugte Möglichkeit für Romakinder, sich auch mit kleineren Durchschnittsnoten als gefordert in namhafte Lyzeen einzuschreiben. Für Romakinder sind in Bukarest 1400 Plätze im Schuljahr 2004/05 reserviert. Vermutlich werden aber nur 800 besetzt."
quer - 29. Jun, 17:50