Zwei Ausflüge in die Bergwelt, sie hängen zusammen mit der Suche nach Spuren von Gabriela von Seltmanns Großvater, Michal Pastanowski, der in Werchowyna eine Schule für Agrikultur leitete, als der Ort ein Teil Polens war und Zabie hieß. Uwe und Gabi waren deshalb schon einmal hier, die Recherchen ziehen Ortsbewohner an, die Dinge erzählen, zurückhalten, dann doch noch ein bisschen erzählen - wie standen die Huzulen zur deutschen Besatzung, wurde auch die Zugehörigkeit zu Polen als eine Art Besatzung empfunden? - man kann sich immer schnell einigen, wenn man den Sowietrussen alle schlechten Besatzereigenschaften zuschreibt, sie haben Angst und Schrecken verbreitet für jedermann und es sich mit allen verdorben - aber ist dieser Punkt abgehakt, gehen die Fragen wieder auf, und Informationen sickern spärlich. Große emotionale Gipfel werden erklommen, per skype ist Gabrielas Mutter zugeschaltert, die das Huzulenland als Zweijährige verlassen musste, gejagt, aber auch versteckt von Nachbarn, immer das Gefühl von Angst und Feindschaft in sich trug und ihren Kindern weitergab - jetzt mit Anna verbunden, die ihrer Tochter so geduldig hilft, die alten Spuren hier aufzunehmen und herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Versöhnung mit der Erinnerung, vielleicht, jedenfalls Versöhnung auf den Wellen des Internets, nachts am voriges Jahr noch so abgelegenen Küchentisch.
Die Ausflüge in die Berge gehn in zwei kulturelle Zentren, ein Museum und eine Art Sennerei mit Herbergsbetrieb, umgeben von Lagern, buntbemalten Zwergenhäuschen, Wildwasser, Rumpelstraßen, Sowiet-LKWs, freilaufendem Getier vieler Art, KIndern, die kilometerweit in die Schule zufuß müssen und zurück, Betrunkenen, höchst ordentlich gewandeten Frauen, schmucken Mädchen, dem verschmitzten Museumsleiter, 75 Jahre alt, klein, mit verbogenen Beinen (er konnte jahrelang nach einer Bombenexplosion nicht laufen, dann halfen ihm russische Spezialärzte) und einer technisch - sammlerischen Fitheit, die ihn wie halb so alt, Ende 30, wirken lässt. Im Museum eine plötzliche Musiksession von Anna und Jarek, ein Essen in der VIP-Ecke der Dorfbar, Erschrecken manchmal, Albernheit, fliehende Gedanken in erfüllter Einöde.
Serit Jahrhunderten zogen hier Heere durch, wurden neue Herren verkündet. Die Huzulen hatten (und haben) eigene Regeln, ließen die Fremden freundlich vorbei, möglichst unbehelligt von allem, passieren.
(Bei den Massakern der Nazis an den Juden von Werchowyna waren viele von ihnen beteiligt. So steht es in einem bereits geschriebenen Buch über den ,Untergang‘ dieser Stadt, im Museum ist davon nichts zu sehen, im Parallelmuseum von Kossiv heißt es, die Juden seien eben gegen Kriegsende ,weggezogen‘. Kein Wunder, dass Gabrielas und Uwe Recherche ein Stadtgespräch ist und Gräben aufwirft - besser: vorhandene vielleicht zur Sprache bringt, also zuschüttbar macht.)
Dass Recherche betrieben wird, geht aber auch auf die Nerven. Ich z.B. möchte nicht (nichtmal zu schnell, sondern eigentlich überhaupt nicht) entscheiden müssen, wer in dem geschichtlichen Spiel der oder das Böse ist. Zu eindrucksvoll z.B. die zwei Neubauruinen, einer Schule und eines Krankenhauses, beide am Ende der Sowietzeit hier begonnen und wegen Geld - und Interessemangel unfertig stehengelassen, auch eine Art von Mahnmal, nämlich für einen Versorgungsstaat, dessen Ineffektivität jetzt alle verspotten, aber damals wäre ein Kranker nicht aus Geldmangel krepiert. Ich will auch eine Haltung, die wechselnde Ideologien kommen und gehen (also auch abfahren) lässt, nicht gleich verdammen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, Gutes muss auch mir etwas Gutes sein, wenn ich gut sein soll. Ein bisschen tut sich hier der Gegensatz zwischen den (dröge urlaubenden) Zuschauern und den (recherchierenden) Intellektuellen auf. Wozu die Behauptung (der ich irgendwann mal nachgehen will) passt, in der Ukraine sei ,die Intelligenz‘ systematisch vernichtet worden von den zwei Superideologien des vergangenen Jahrhunderts. Auch in Polen sei sie schmerzhaft dezimiert. Ja. Und schlimm. Aber nicht schlimmer als die Vernichtung anderer, weniger elitefähiger Menschen. Ich bin übrigens gar nicht überzeugt davon, dass ,Intelligenz‘ ein Schutz vor Brutalität ist. Hochintelligente Machtmenschen beschlossen noch vor 2 Jahrzehnten, dass auf dem Balkan ein ,Feind‘ auszumachen sei und eine Gegenseite ,gut‘ (bis hin zum Organhandel der Kosovo-UCK, deren ,freiheitliche‘ Existenz Herr Fischer grad vor ein paar Wochen positiv hervorhob, um damit zum Eingreifen in Lybien anzutreiben - hochintelligenter Machtmensch, der er ist, aber um wieviel besser wären wir ohne diese Spezies dran!).
Die Bergwelt mit ihren Farben, Gerüchen, Tieren und Menschen. Armut Reichtum Mensch und Tier, ARMUT das Kürzel. Gesetze des Zusammenlebens auf engstem Raum, so jedenfalls stellt es Jahnn in diesem Drama dar, und wie die Naturgeister mittun dabei. Auch wir sahen beim Einbiegen in eine größere Straße auf einer Hängebrücke über den Schwarzen Cheremosch einen lächelnden älteren Herrn in schäbigem Anzug, altmodischer Brille und großen Augen dahinter, den Anna als Zauberer bezeichnete, einen Schamanen. Wie viele Schamanen fehlen einer modernen, sich wieder dem Manchesterkapitalismus zuneigenden Gesellschaft wie der Ukraine oder Polens, deren Unsicherheitssteigerung, was den Schutz der einzelnen Menschen angeht, bei uns zuhaus ja auch angestrebt wird (und wenn die FDP das nicht mehr hinkriegt, muss es halt die gute alte Tante SPD nochmal machen, blöd genug sind die Leute, dass sie das nicht gleich mitkriegen)?
Jetzt in der Ebene, in Kolymea, gleiches Hotel wie letzten März. Abschied von Jarek, Uwe und Gabriela. Diese Stadt rasselt und tobt vor sich hin, ein bisschen wie ein begeistert rauchender Huster. Oder hustender Raucher, jedenfalls jemand mit schlechter Lunge und guter Laune. Landstadt seit Jahrhunderten. Wir suchten aufs Gratewohl eine alte deutsche Siedlung, von Maria Theresias Hofräten initiiert, normgerecht angelegt und mit pfälzischen Auswanderern aufgefüllt kurz vor der französischen Revolution. Fanden die Straße, die damals ein Dorf war. Ein altes Paar bestätigte uns, hier wäre, wo einmal niemci gewohnt hätten. Die zaunlackierenden Enkelinnen, die wir erst gefragt hatten, wussten davon nichts mehr. Gleich hinter der Siedlung ein jetzt leeres, wie ausgebombtes Fabrikareal aus der Sowietzeit. Dann eine österreichisch aussehende Kirche. Rundkapelle orthodoxen Zuschnitts daneben. Vorstadtromantik. Mit einem herangewinkten Marschrutki zurück ins Zentrum. Wlan-Stunde, Bier und Salat. Waren kurz bei den eingetrudelten Nachrichten von grad eben. Bei alten Frauen, die in einer Reihe schweigend die Milch ihrer Tiere, ein paar Blumen, Körner anboten, seit morgens früh wohl schon, jetzt war es drei Uhr nachmittags und heiß. Solche Eindrücke. Dann stellten wir uns vor, wie man vor 200 Jahren hier lebte, die halbe Stadt war von Juden bewohnt, trotzdem gibt es in Kolymea kein jüdisches Museum. Gibt es eine Erinnerung an Sacher Masoch, der hier die Novelle ,Ein Held von Kolomea‘ schrieb? Wir suchten den vielleicht irgendwo an einer Müllkippe gelegenen jüdischen Friedhof nicht auf. Irgendein Reiseführer, der auf eine bestimmte, Intelligenz suggerierende Sorte Touristen geeicht ist, würde ihn uns bestimmt zeigen können. Wir gingen zum Busbahnhof, für die Weiterfahrt.
quer - 26. Mai, 22:11
An einem klaren warmen Morgen am gedeckten Frühstückstisch sitzen, Sonne wärmt und Kaffee dampft, mit Freunden Pläne schmieden für den Tag und nichts zu erledigen zu haben außer eben diesen Tag - nur weniges ist schöner. Was ist dann alles möglich? Was alles möglich ist!
Hier geht das Frühjahr grad erst in die Büte, ein Gewitter überraschte uns in den Bergen, wir standen im Gras am vergessenen jüdischen Friedhof, sahen die Bauruine eines zur Sowietzeit geplanten großen Krankenhauses, das jetzt, wo es in der freien Ukraine überhaupt keine Krankenkasse gibt, schon aus Geldgründen der Patienten überdimensioniert wäre. Davon abgesehen, dass viele diese Gegend verlassen, womit sollen sie auch Geld verdienen und wovon leben, wenn der Job eines Informatikers umgerechnet 50 € monatlich einbringt?
Die Heiterkeit auf einer Alm, die wir besuchten und der schnapsbetäubte Jüngling auf der Straßenbank im Tal, dessen Handy andauernd eine schnurrige Melodien zirpte, und er wird nicht wach. Die Alte im Häuschen neben dem Friedhof, die sich neugierig der Fremden drüben vergewissert, im Zeitlupentempo zu uns hinstrebt, dann vor Schwerhörigkeit schreit, aber nicht mehr weg will, so begeistert von fremden Mernschen um sie rum. Mit 19 kam sie aus den Bergen in die kleine Stadt, jetzt ist sie 80. Und die Frage, so um Mittag, wie oft hier in der Ukraine ,die Intelligenz‘ vernichtet wurde in den letzten hundert Jahren, von wem, warum. Wozu?
Es ist anders, wenn man nicht allein ist. Es wird so viel gesehn, erlebt, geredet, der Drang, mich mitzuteilen, viel geringer. Plötzlich ist der Tag schon rum. Ich hoffe, morgen sind die Wolken wieder weg und Platz für Kaffee und die Sonne und den Tisch da unten, und uns dran.
quer - 23. Mai, 20:59
Abendgeräusche, in großer Runde bei Anna und Stepan in Werchowyna, herzlich begrüßt, und ich habe den einsamen Besuch in der Kälte vor einem Jahr noch wach im Gedächtnis, jetzt ist es anders. Ein wlan ist installiert, es bleibt so lange hell und warm, dass wir ziellos plaudern, lachen, Musik hören, schreiben, ein wenig jeder auf sich selbst bezogen, ’Internet-Club‘ wird gerufen, Gabriela und Uwe führen die ersten Interviews und entwerfen Pläne für die nächsten Tage, wir fühlen uns frei davon, Jarek powert U-Tube-Videos von Elvis Costello und Willie Nelson in die Runde, ja, es ist anders als letztes Mal. Ein entlegener Punkt ist ein wenig mehr in die Welt gerückt, das macht ihn unschärfer fürs Erleben. Dabei führe ich diese Unschärfe ja mit mir - was ein altes, grundsätzliches Thema ist, für jeden Reisenden zumindest. Auf der Herfahrt, als er schwungvoll durch ein paar Kühe durchgefahren war und einem gaulgezogenen Leiterwagen ausgewichen, sagte Jarek: Wir sind die letzten, die das hier noch so erleben. Technik, Wohlstand, Organisation wird auch dieses Land umprägen. Gabriela erinnert dieser Teil der Ukraine an das Polen ihrer Kindheit vor 30 Jahren, und sie misst daran den Fortschritt seitdem. Ich werde, wenn ich irgendwann nochmal nach Kreta fahre, bestimmt erschocken sein von den Veränderungen, nein: erleichtert, dass sie so krass nicht sind, wie ich vermutete, nein: begeistert, dass fast nichts mehr da ist von damals - und nachher ganz traurig.
Es wird feucht hier draußenb und kalt jetzt, und die Tasten sind schwer zu finden beim Tippen. Also ein Weg zum Fluss und Gutnacht...
quer - 22. Mai, 20:39
Mit den gleichen Aluminiumlaptops uns gegenüber im 9.Stock des Hotel Dnister sitzen wir, Park und Altstadt unter uns, und die weitläufigen Wohnschachtelstadtviertel an den Hängen jenseits wie ausgestreut. Siebenhunderttausend Einwohner - Lembergs Innenstadt wirkt nicht so groß und auch nicht gemacht dafür, auch wenn sie heute am Samstag mit Besuchern, Händlern, Käufern und Müßiggängern gut angefüllt ist. Es gibt keine Riesen-Malls, keine Kinopaläste, auch keine Parkhäuser - keine Ahnung, ob das alles, was eine Großstadt doch ausmachen soll, nur ausgelagert ist. Die Anziehung hier, so altmodisch scheints zu sein, sind noch die Märkte, Boulevards, vielleicht Theater und Oper, das Flanieren, sich zeigen und gezeigt werden. Gestern abend ging es los, Wochenendfeier, Tangotanzpaare im Pavillon des Ivano Franko-Parks, seit 200 Jahren steht dieser Ort dem Volk für Vergnügen zu seiner freien Verfügung. Auf dem Foto, das ich machte, sah es nachher aus wie Dreharbeiten, die vielleicht Lars von Trier sofort nach dem Rausschmiss aus Cannes hier begonnen hat, seine Blödkraftmeierei wäre vielleicht auf taubere Ohren gestoßen als dort.

Der Gang durchs Geschichtsmuseum vorhin jedenfalls markierte - wenn man, wie wir, nur den paar englischen Erläuterungen folgen kann und nicht den vielen kyrillischen - als die Hauptfeinde der Ukrainer im letzten Jahrhundert die Sowietrussen mit Abstand und danach die Polen, die deutsche Besetzung ist kaum erwähnt. Das wusste ich eigentlich vorher, es erschrickt dann aber doch. Trotzdem ist Geschichte diesmal nicht das Thema, das mich fesselt, vielleicht ändert es sich mit dem andern Teil unsrer Reisegruppe, den wir erwarten. Es sind mehr die Stimmen und Klänge (vielleicht liegt es am hellhörigen Mikro, das ich dabei hab), sind Arm und Reich, Off-Roader auf dem Zebrastreifen geparkt, über den der Alte schleicht, der die Mülltonnen durchstöbert, Anorakmädchen vom Land mit Schlurfschritt am Wiener Cafe entlang, überholt von der Gleichaltrigen mit schwingender Hüfte und neuestem Elektroniktraum um die Ohren. Es ist ein Schwung in der Stadt, aber hat er mit Fortschritt zu tun? Stimmt es, dass die meisten jungen Leute hier weg wollen? Eben läuft eine Enya-Schnulze, und ich hoffe grad sehr, dass diesem Land das gleiche Schicksal erspart bleibt wie Irland, für scheinbaren Wohlstand ein Bankenfutter zu werden. Die Melancholie, die dann aufkommt, ist, wie man hört, richtig mies. (Auch Enya war mal ein schlurfendes unausgeschlafenes Mädchen, das meiner damaligen Freundin und mir den Kaffee zum Frühstück brachte in der Familienpension von ,Clannad‘, Ende der 70ger).
Die Straßenbahnen hier werden von Frauen gelenkt, und die schlimmsten Gleise sind aufgerissen, um für den Ansturm Europas im nächsten Jahr repariert zu sein. Das war nötig. Mehr erstmal nicht.

quer - 21. Mai, 18:09
Zwei Orte, wo Massen sich sammeln: Krakauer Markt und Lycakivs’ke- Friedhof. Zwischen beiden teilten wir den hellen Tag heute auf. Der Markt war nur locker besucht am Freitag, die Dörfler mit frischen Wochenendwaren erst für morgen erwartet. Fleischhauer schliffen die Messer so, dass ich mein neues Mikro scheinbar telefonierend mitten durch das wetzende Geräusch durchtragen konnte. Eine Samenverkäuferin hielt uns einen blendenden, unverstandenen Vortrag betreffend die Einsaat weißer Erdbeeren, wir nickten und bedankten uns. Es wurde heiß, Lücken zwischen den Menschen sorgten für noch mehr Sonne, griechisches Licht in den Höfen. Noch weniger Masse Anwohner dann auf dem Friedhof, stattdessen die Steine, Namen von Abkömmlingen mehrerer Völker, manche sich angleichend, wie sichs gehört, Hübnerow, Schulzerowa, Ethniker jeder Coleur sehen es grausend, uns freuts. Ich empfand nach 2 Stunden aber die Anwesenheit jener schweigenden Masse unter dem Boden als ein bisschen zerrend, schwergliedrig machend.
Also zurück in die Altstadt mit gewaltig rumpelnder, schwankender Straßenbahn, in schattigem Innenhof ein Studentencafe, Amerikano und griechischer Salat, begleitet von leisem Geplauder und folkiger Musik, an solchen Stellen ist die Stadt so westlich jung wie das Avignon, das ich aus dem Jahr 1969 in Erinnerung habe. Können Entwicklungen sich wiederholen?
Eh wir dann essen gehen, jetzt keine Antwort auf sowas, sondern Entspannung, die uns die Hunde am Markt schon vorgemacht haben.

Erholung setzt ein. Das Frühstück (mit neuer Kaffeemaschine) ist immer noch eine Pracht.
quer - 20. Mai, 18:34
19.5.
Wie ein sanftes Gleiten erscheint die Fahrt im Nachhinein, so glatt, verzahnt und paniklos bewegte sie uns, bewegten wir uns in ihr, von fünf Uhr früh bis in den Mittag, 12 nach unsrer Zeit, in der Wohnung aneinander vorbei auf praktische Handgriffe konzentriert, ins Taxi 10 nach 6, am Flughafen entspannte Runde nach heiterer Gepäckabgabe, entsetzt von Äpfelpreisen für das Stück 1,20, dann doch ein Kaffee, doch ein Apfel, eine Zeitung, eingecheckt, still südlich mit sehr Vielen, in München dann keine weitere Kontrolle, gut gewiesener Pfad quer durch die Riesenhalle, und schon mit kleinerer Maschine nördlich-östlich, an Prag und Krakau längs mit etwas Catering und Sicht auf Ostalpen, Karpaten. Die Landung in Lviv harsch, Fotografieren des hübschen Flughafenhaupthäuschens streng beäugt von älteren Einheimischen, aber die Schlange vor den Passkontrollschaltern zügig abgearbeitet von Grenzpolizei und Zoll, tatsächlich das Gepäck auch da, seit Berlin ganz ohne uns, draußen der Trolley Nr. 9, rumpelt stadteinwärts für zweimal 10 cent Fahrgeld, durch den bunten Mittagspark, nach Ivan Franko benannt wie vieles hier, ins Hotel Dnister 13:10. Dort eine Traube Gruppenmenschen, zum ersten Mal seit morgens stockt es, muss man unerwartet warten, aber dann das Zimmer, 7. Stock mit Blick zur Stadt, es ist so wie erhofft.
Diese Stadt muss doch eigentlich jedem gefallen. Das findet auch Volodymyr Kachmar vom Reisebüro Lemberg Tours, studierter Germanist, wie er auf Kristjanes Frage erzählte, Vorfahren Ukrainer, Slowaken, Lemken (ein karpatisches Bergvolk, so klein an Zahl, dass die Huzulen daran gemessen Populisten sind), der durchblicken ließ, hier sei vielleicht der letzte stille Sommer grad am Aufdrehen, denn nächstes Jahr mit der EM käme der Strom zehntausender Fussballfans, der sich ja nachstauen und so sich in die Stadt und Gegend verlieben könnte wie zumindest ich. Kristjane sagt auf unserm Bummelweg, sie fänd es auch sehr schön.
Sehr müde aber sind wir auch. Also Schluss für heute. Die Nachbeleuchtung der Gebäude in der Altstadt und am Schlossberg dahinter hat sich um einen monströsen Sendeturm erweitert, der früher nachts gar nicht zu merken war, jetzt regenbogenfarben schimmert.



quer - 19. Mai, 21:46
Ich packe mein Klavier ein. 11.8. gehts solo los um 20 Uhr in der Kirche von Carwitz/Feldberger Seenplatte - an den Tagen danach tourt die Liedertour durch Sachsen und Thüringen - mit Kokott, Dirk Zöllner, Francis D.D.String und vielen anderen.
Die Klamotten trocknen noch. Der Regen in Delitzsch gestern passte zu Freitag, 13. Aber die erstaunlich gut gelaunten Zuschauer hielten durch, wahre Nässe-Helden!
Heut gehts nach Plinz, wo zumindest die Plastiken & Elfen des Galeristen durchhalten werden. Aber es soll ja trocken bleiben.
Ich hoffe auf ein Indoor-Konzert, denn behinddoor (wie man galeristiscvh sagt), steht ein Flügel.
Wenn ich nach Plinz komme, denke ich jedesmal: Hier kann doch kein Konzert stattfinden, so einsam ist es. Der Garten der Stille ist voller neuer Figuren, die bunter und munterer sind als die alten, und durchs Haus balancieren die Siebenschläfer. Aber plötzlich sitzen da knapp hundert Menschen, 99, um korrekt zu sein. Gestern achteten sie auf jede Feinheit bei jedem Auftretenden, und es herrschte vollendete Harmonie. Das vergisst man nicht.
quer - 15. Aug, 11:29
Cluj, gesprochen Klusch, Klausenburg oder Kolozsvar, eine jahrhundertelang halb sächsische, halb ungarische Stadt, später Sitz der nationalen ungarischen Bewegung, erst um 1960 bekam es eine mehrheitlich rumänische Bevölkerung. Die Ungarn hatten zu Hilfe der Nazis vorher ca 16000 Juden in Lager verfrachtet (und selbst vernichtet?), waren nach Einmarsch der Roten Armee dann selber geflohen, und erst die Industrialisierung der Uni - und Verwaltungsstadt hatte landflüchtige Rumänen reichlich nachziehen lassen. 1974 bekam die Stadt noch den Zusatz 'Napoca' verliehen, nach der römischen Siedlung, die hier bestanden hat.
Die sehr nette junge Beraterin im Tourist-Infoshop, die sich so freute, als ich, der natürlich mit Englisch angefangen hatte, plötzlich 'zwei' sagte ("ach, man hat zwei Fahrten auf einem Ticket?" - "zwei?, ach, dann sprechen Sie deutsch?!" ), schrieb mir ein paar rumänische Floskeln auf, wir lachten viel und schauten uns in die Augen, bei irgendeinem Wort sagte ich übermütig: "klingt wie ungarisch", sie stockte, dachte wahrscheinlich: der meint das nicht so, und sagte sehr entschieden: "Nein."
Cluj liegt genauso weit weg von Bukarest und Budapest wie von Belgrad. Würde ich morgen nicht nach Dortmund zurück - und 'hoch'fliegen, könnte ich mir einen Bus nach Serbien suchen, das würde zu dieser Reise gut passen. Cluj ist Unistadt, Handelsplatz, nachts in den alten Gemäuern haben Clubs auf mit neuester Elektromusik, tags spielen Gypsymusikanten, ich trudelte abends in eine riesige, matt beleuchtete Bingohalle, aß billig Leber mit Krautsalat, wurde von der bisschen bedudelten Kellnerin fast mit der Vorsuppe überschüttet, "komm wieder, morgen", sagte sie zum Abschied.
Überhaupt sprechen viele deutsch. Als ich mit einem frischen Unterhemd im Kaufhaus an der Kasse stand, meinte die Verkäuferin, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben: "Zu groß, ist zu groß", und gab mir ein kleineres.
Sachsen kommen zurück, manche waren nie weg, zwischen der Zeit, wo sich die Mädchen Nylonstrümpfe auf die Beine malten und bestenfalls nach Moskau kamen oder Ostberlin, und den Jahresstipendien in Stockholm, Melbourne oder Mexiko-City jetzt ist ein Riesengraben. Dreißig Jahre, wie wenig Zeit...
Cluj ist wohlhabend. Kanada wirbt hier wie in Moldavien mit Emigration, aber hier ist Europa nicht nur mit Fahnen an Häusern präsent. Eine Busfahrt kostet sieben mal soviel wie in Chisinau, und es wird als billig empfunden. "In Budapest kommt der Preisschock", sagt Jonas und meint den Flughafen bei Zwischenstopps - hier vielleicht ist schon ein bisschen Budapester Vorgarten. Hochsommer jetzt, ich sitze am Springbrunnen mitten in der Stadt, eine Uniabschlussclique feiert sich und fotografiert sich in allen Konstellationen, zwei missgelaunte jüngere Frauen betteln, neben mir auf der Bank probiert ein alter Mann sein neues Handy aus. Mittagshitze, hinter mir der Palast der Banffis, ungar. Adel, einer von vielen Palästen, die sie zurückfordern gerade.
Einer der Banffis hat in den 30ern einen dreibändigen historischen Schinken geschrieben, der um 1920 spielt und sich wunderbar liest, jedenfalls auf Englisch, schreit nach Übersetzung auch ins Deutsche, und nach Film, ich habe ihn gerade in Cunt angefangen zu lesen. Jetzt kommen neue Doktoranden, mit Käppi und Robe, fallen fast in den Springbrunnen.
Zu dem Ball, den Ulrike, Jonas und Benze in genau einem Monat hier bei Cluj, Kolozcvar auf einem Schloss organisieren werden, hat Prinz Charles soeben zugesagt. Ich denke an die schöne Kutschfahrt, die wir vorgestern noch gewagt haben, haarscharf vor einem Gewitter in die verlassene Staatsplantage voll mit Apfelbäumen, zahlreiche Hektar. Ein einsamer alter Mann bewacht das Ganze, 700 Menschen haben hier gearbeitet, es war jetzt wunderbar still dort, 'was für Leben muss hier gewesen sein'', dachte ich.
Keiner erntet mehr.
Herrlich heiß, und zum ersten Mal seit Odessa nicht schwül dabei. Mein letzter Tag, ich mache mich auf den Weg.
Es grollt dann doch von fern. Friedhofspaziergang, Villen mit Chauffeuren, dazwischen aber auch windschiefe Häuschen mit ganz viel Kinderspielzeug davor. Windspiele und Straßenköter beschnüffeln sich. Dann der Botanische Garten, hier direkt an die Universitatule angeschlossen, wirkt eng und verwissenschaftlicht, weitet sich aber und wird zum Irrgarten. Japanischer Teich, Wildwasser, tiefer Wald, Kunstfelsen und geheimnisvolle Statuen. Da kann Chisinau nicht mithalten. (Auf der Ausfallstraße vorhin ein großer komfortabler Bus nach Chisinau, er wird ca.14 Stunden fahren, jetzt ist es 18 Uhr, gegen 6 ist er an der Grenze. Ich seh den Anfang der nächsten Reise vor mir.)
Dann doch ein kleines Gewitter, ich war grad im Aussichtscafé, sie packten dort hastig zusammen, jetzt Stadtnacht. Sehr ähnlich wie in Lviv, was zum angenehmen Eintauchen. Ich breche ab, um von dem Abend noch was zu haben. Verschreiben kann ich die Abende immer noch.
quer - 2. Jul, 13:34