Häuser, aus denen Fenster gucken. "Ach, wie ist der Mann zu loben, der die Häuser hohl gemacht", darüber hab ich als Kind gelacht, jetzt dank ich den Autokonstrukteuren, dasss sie nicht nur solche schmalschlitzigen Niedrigraser bauen, sondenr auch immer noch fahrende Hochsitze. Die Niedrigraser nehmen zu, und ich glaube, dass es mit der Unsicherheit draußen zusammenhängt, dass man momentan gern ins Auto, das fahrende Haus, wie in eine gut abgeschottete Welt klettert. 'Rasende Mauer' nennt man den Off-Roader, man sieht nur das Nötigste und braust davon.
'Rasende Häuser', ist sowas auch geplant? Ich würd mitfahren, was fährt, das probier ich aus, irgendwann...
quer - 30. Apr, 01:11
Helfende Hand, hingehalten zum Schütteln, aber es ist die Linke, man muss sich drehn, um sie schütteln zu können, und dann knarrt es wahrscheinlich, denn sie ist ja aus Plastik mit Drähten drin, nichtmal aus Fleisch und Blut. Helfende, staksende Hand. Irgendwas aus Kunst - fährt man die Umleitung mit dem Zug nach Hamburg, kommt man jetzt durch Uelzen mit seinem Friedensreich-Hundertwasser - Bahnhof rechterhand, ein altes Gebäude, umbaut mit bunten Wucherungen des Meisters, ’irgendwas mit Kunst‘, denkt man und freut sich über die Phantasiebeigabe, wenn gut gelaunt - oder die Aufgeblasenheit, wenn genervt. Nach einer Weile auf der Fahrt nach Hamburg führt die Umleitung dann durch Lüneburg, und kurz vor dem Bahnhof streift der Blick ein schmuddeliges, ovales Parkhaus, und eine leise Stimme da drin sagt: Das ist die Friedensreich-Hundertwasser - Spätphase, Überwindung der Phantasie durch den plattesten Alltag, das Banalste als Allerschönstes, es gibt sogar eine Untersuchung darüber: ‚Von Uelzen nach Lüneburg - kopernikanische Wende der Hundertwasser - Architektur‘, möglich auch, dass der Künstler das Parkhaus nur okkupiert hat, es war schon da, er kam nur vorbeigeschlendert und erklärte es einfach zu seinem : So schafft sich Bob Dylan sich seit Jahren seine Lieder -.
Wären das die Sorgen der Welt, wär es leicht, helfende Hand. Warum stakst du so? Weil du die linke bist? Weil du aus dem gleichen Jahrmarktsbudenzauber rausragst wie der restliche Müll? Einarmiger Bandit? Wenn du die linke Hand bist, warum ballst du dich dann nicht zur Faust? All die vornehme Zurückhaltung, wo die Linken doch die ‚Krise‘ willkommen heißen müssten und nicht Krise, sondern die notwendige Folge finanzkapitalistischen Wirtschaftens nennen sollten, ‚Verstaatlichung, Frau Kanzlerin, mit Verlaub, die Idee hatten wir auch schon mal...‘ Warum erklärt die Linke nicht laut und deutlich: Die Menschen, die täglich verhungern, sind die Enteignung. Der tägliche Zusammenbruch hergebrachter Verhältnisse und mitmenschlichen Umgangs zugunsten von Profitmaximierung ist die Enteignung. Die Arbeitsvernichtung, die täglich passiert, ist Enteignung. Die Wegnahme von Lebens- und Gemeinschaftssinn zugunsten von Abstraktion, Luftgeld und perverser Riten, die ein clonartiger ‚Vertreter Gottes‘ stattdessen durch die Welt posaunt - das ist Enteignung. Wär jetzt nicht die Zeit zum Um-Sturz, einarmiger Bandit? Zeit, um für pro & contra zu werben, zumindest. Klein angefangen: Zum Beispiel Namen und Adressen zu veröffentlichen der Richterin, die eine Kassiererin wegen Bons im Wert unter 2 Euro arbeitslos machte, des Sozalamtmitarbeiters, der einem Hartz-IV-Bezieher wegen Bettelns den Auszahlbetrag kürzte - wenn eine Million Leute diese Daten samt Lebensgewohnheiten der Sykophanten gemeinsam veröffentlichten, dann soll erstmal eine Million Menschen einzeln angezeigt werden, viel Spaß! Vorher wird folgende Erwägung bei den Tätern ablaufen: Na gut, auf die Immobilienprämie vom Einzelhandelsverband muss ich diesmal verzichten, aber ich möchte doch, dass meine Kinder sicher zur Schule kommen, also die nächste sprech ich frei...
Staksige Hand, ich fürchte ja, wir machen den Umsturz nicht mehr. Wir sind Teil des zu Stürzenden. Teil des Gewrackten, nicht die Bezieher der Prämie. Trotzdem kann das Leben sehr schön sein. Und das gefühlte Wissen, das wir gesammelt haben, das nimmt uns keiner. Ein graues, geringeltes Parkhaus als Inbegriff phantastischer Schönheit zu sehen, zum Beispiel. Oder diese Worte zu lesen als emphatischen Ausdruck von Lebensfreude. Oder die Wesensart Ackermann als die eigentliche katholische Hingabe an das Jammertal, als Lamm Gottes. Das hats vorher noch nie gegeben. Wirds wohl nachher auch nimmer.
Lass krachen.
quer - 1. Apr, 14:33
So ein großes Ding auf sonem kleinen Wagen. Dachte noch heut beim Duschen, weil der Studiotermin auf abends verlegt worden war: Jetzt hast du Zeit! Und hast-du-nicht-gesehn...
Nein, die Zeit hab ich noch nicht gesehn. Und Du auch nicht. Die Zeit, wenn sie Zeit hat, steht geparkt an einer S-Bahn-Brücke in Berlin und tarnt sich als Bauwagen, um nicht in Hektik zu geraten. Liest das schöne Amir gegenüber, vielleicht hat sie deshalb dort angehalten? Und sind die Kürzel was Geheimes? Vorbereitung für die Zeitlosigkeit danach? Seltsame Ecke. Werd mal versuchen, die Stelle zu finden, wenn ich Zeit hab.
quer - 3. Mrz, 15:18
Diskussion übers Rauchen auf Radio Kultur. Stefanie Winde - was für ein schöner Name, was (vom Gesichtspunkt der schönen Namen aus) für eine Vergeudung an diese Trägerin -, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion in Berlin, und Herr Johannes Spatz, Vorsitzender irgendeiner Nichtraucher-Organisation, überbieten sich an Verfluch - und Drohgebärden, die anderen Teilnehmer kommen wenig zu Wort. Bis auf eine geduldige Wirtin, die gern eine Raucherlaubnis in ihrer Kneipe hätte - ihr wird unterstellt, sie vergifte ihre Kinder („Ich habe keine Kinder“, sagt sie freundlich, aber der Nichtraucher-Lobbyist nimmt es nicht zur Kenntnis), und als Raucherin habe sie eh keinen freien Willen. „Raucher sind Süchtige und deshalb nicht Herr ihrer selbst“, spricht sanft Herr Spatz im Ton eines Sektenführers, und die Frau mit dem sprechenden Namen fügt bedeutsam hinzu: „Wir müssen nämlich auch Menschen gegen ihren eigenen Willen schützen“, also Raucher gegen sich selbst.
Das in einem Land, in dem man auf keine mittlere Politik-Position kommt (also z.B. Sprecherin für ein Thema in einer großen Fraktion wird), ohne sich gegen andere durchzubeißen, zu intrigieren, bis man sich selbst nicht mehr kennt, zu treten, zu betteln und gegen die Erschöpfung anzuschuften, bis Tränen fließen (ich kenne genug Politiker, um zu wissen, dass es wahr ist) - ohne also von Grund auf arbeitssüchtig und gefühlskalt geworden zu sein.
Was für eine Heuchelei! Anstatt das Rauchen dann ganz zu verbieten, träumen diese Chargen davon, sich aus der Tabaksteuer (oder der Lobbyarbeit) ihr Salär bezahlen zu lassen, aber die Raucher (endlich mal eine Bevölkerungsgruppe, pars pro toto!) mit Vernunft und Gemeinschaft, Gesundheit, Rücksicht, mit all dem Kram, der in einer kapitalistischen Gesellschaft auf dem Weg in die Globalisierung sonst einen Dreck gilt (es sei denn, er brächte Geld), lebenslang zu schuriegeln. Endlich mal dürfen sie Gute Menschen spielen. Gute Menschen erzwingen! Bestrafen! Maßregeln! All das Prickelnde tun, das einen eine Erziehungsdiktatur nun mal so machen lässt! Konsequenzen? - immer für andere. Herr Spatz (normaler Zweitsatz in der Sendung „ich als Arzt“) träumt z.B. davon, ein Rauchverbot auch in Privatwohnungen durchzusetzen. Er fordert (und Frau SPD-Betroffene stimmt leise zu), der einfache Passant sollte ruhig auch mal das Ordnungsamt herbeirufen, wenn er oder sie in einer Kneipe jemanden rauchen sieht (Was - da tragen welche den Stern noch nicht? Meldung machen, Volksgenosse...)
Der einfache Passant sollte diesen Drohern, die vom Leben reden und den Zwang meinen, ausweichen als einer echten Gefahr. Lebenslang, es sind bedrückende Leute. Der „ich als Arzt“, der sich (seine Stimme verrät es) nur über all die andern erheben will, und die Sprecherin mit ihrem Allmachtsrausch. Die sich ja hoffentlich längst vehement gegen eine längere Nutzung von Kernkraft eingesetzt hat (Stichwort Volksgesundheit). Und uns allen so richtig bekannt wurde wegen ihrer mutigen Pläne gegen die Zweiklassenmedizin... Nun zerfällt die SPD ja vielleicht bald mal, Zeit wärs. Dann fängt die Dame vielleicht das Sich-verlieren an, und dann wird sie einen vielleicht irgendwann einmal nett, gebrochen und stockbesoffen an einer Bar nach Feuer fragen.
Kein Mitleid. Ich kann nur immer jeden bitten: Kein Mitleid!
Ich bleibe übrigens weiter ein trockener Raucher. Weil ich es will.
quer - 2. Aug, 22:27
Der Marktplatz von Lörrach ist nicht mittelalterlich schön, die Häuser wohl eher Dutzendware, und Touristen wird man kaum herumführen. Vielleicht gerade deshalb schafft er eine so heitere Konzentration, beste Umgebung für die Konzerte, die dort jedes Jahr stattfinden, von ein paar Tausend Menschen besucht, beäugt von den Anwohnern, den Gästen des Hotels Benoth (von denen ein paar neulich abends die Rollläden runterließen, sie hatten schließlich ein Zimmer, keine Beschallung gemietet), vielleicht lässt er deshalb die Künstler, denen das von ihrer Bühne aus klein und possierlich vorkommen wird (gemessen an den Hallen, denen sie sich sonst aussetzen), in Begeisterungssprüche verfallen, lässt Bob Dylan sich am Ende hinknien (vor neun Jahren) und Leonhard Cohen sich mehrmals für die sinnstiftende Begegnung in einer sonst qualvoll zerrütteten Welt bedanken - ein Ensemble aus meisterrenoviertem Mittelalter würde den Freiraum vielleicht erdrücken. So wie Gustav Mahler mal sagte: Perfekte Gedichte lassen sich nicht gut vertonen, brüchige kitschige Reime sind besser für eine hochempfindliche Musik.
Leonhard Cohen fing an mit seiner Bitte um einen Tanz bis ans Ende der Liebe (dorthin, wo die ungeborenen Kinder in Bewegung geraten), und es war der satte, altertümliche, freundlich-ewige Schlagerklang, der uns mitnahm. Seine ersten Worte dann (nach einer Art Hallo): ‚Give me back the Berlin wall, give me Stalin and St.Paul, I’ve seen the future, brother, it is murder‘.
Als die Zeit für ‚Suzanne‘ gekommen war, saß ich plötzlich im Wohnzimmer mit meinem Vater, 40 Jahre vorher, im Herbst 68, wir hatten die Sitte, uns beim Tee Musik vorzuspielen und ich hatte diese LP nachhaus gebracht mit dem Polaroidfoto eines offensichtlich magenkranken Mannes drauf, wir wussten beide nicht, was uns erwartete. Traurigkeit. Besessen griffige Sehnsucht. Ohnmacht und liebender Spott in der tiefen Stimme, die aushalten will, was nur gereimt zu ertragen ist. Die wohlige Weichheit der Begleitmusik drumrum. Keine Ahnung, was für Bilder da entworfen wurden, aber sie erreichten uns. Dies leise, zerrende Geschrei am Ende, weit draußen, ‚in a blizzard of ice‘ - als meine Mutter von der Arbeit kam, fragte sie: „Ist jemand gestorben?“
Ich war gleichzeitig immer noch auf dem Marktplatz. Ich dachte (und sah den agilen, freundlichen, hageren alten Herrn mit der wieder so beweglichen Stimme, dem Charme, den altertümlichen und wie-ewigen Gesten, noch dies tolle Orchester um ihn herum): Wer hätte voraussehen können, dass das so dauert, dass es ein Bund fürs Leben wird? Und noch so schön ist, grad jetzt, mit all dem Schrecken in den Liedern wie in uns und wie da draußen - dass das so hält? Grade noch. Immer grade noch.
Man vergewissert sich an solchen Abenden, mit vielen Tausenden, dass es so grade noch...
quer - 2. Aug, 22:21