Samstag, 7. Juni 2008

baden-baden

An der Schwimmstelle ist heute ein Boot angelandet. Drei Erwachsene, zwei Kinder. Ich gehe langsamer, als ich das sehe, dann zwing ich mich zu einem forscheren Schritt.
„Tach“, ruf ich und lass den Rucksack fallen.
„Tach“, knurrt der eine der biertrinkenden Männer. Der andere guckt durch mich durch.
Ich zieh mich um.
„Lasst den Mann mal durch“, sagt die sonnenbadende Frau zu den Kindern, die ganz woanders planschen, und meint ihre Männer.
Der durch mich durchgeschaut hat, macht ein klein bisschen Platz.
„Immer noch ziemlich frisch“, sag ich, einen Fuss im Wasser.
„Geht aber“, antwortet der Gesprächigere.
Ich zwinge mich, gleich tief einzutauchen. Die beiden Kinder kreischen.
„Ging aber schnell“, sagt der Durchgucker zu dem andern, er hat eine eher hohe Stimme. Ich mache ordentlich Schaum und Wellen beim Schwimmen.
Als ich zehn Minuten später zurückkomme, hat eine Gruppe von zwei dicken Frauen mit fünf weiteren Kindern alles am Ufer in Beschlag genommen, und die Leute vom Boot sind hastig dabei, ihre Abfahrt vorzubereiten. Sie grüßen mich wie einen guten Bekannten.
Etwas schwankend stoßen sie dann vom Ufer ab, der Durchgucker kommt nur mit Hilfe der Frau in das Boot.
„Die sollten jetzt nicht mehr quer übers Wasser“, sagt eine der beiden neuen Dicken.
Einen Moment glaube ich, dass sie ihre Kinder zurückgelassen haben. Aber dann kreischen die vom Bug des Boots zu uns rüber.
„Doch“, sag ich, „quer übers Wasser. Muss schön sein. Und immer im Takt!“

elitchen

Bei Welt-Online gab es neulich eine schmale Glosse von einem Gießener Jungakademiker mit Kurzzeitjobs, zwischendurch arbeitslos, der sich mokiert, wie großzügig ihm der „Wohlfahrtsstaat“ dann jedesmal weiterhilft: „Schöner leben mit Hartz IV“ - und dann wundere man sich, dass niemand mehr hart arbeiten wolle. Als hätten wir es zehn Jahre früher, vor Schröder, 1998, so hinter der Zeit her, so schale Witzchen eines Elite-Aspiranten. Welt-Online eben.
Nur ein paar Beamte und Börsenmakler denken heute noch so, murmele ich, während ich dem Namen des Glossisten müde nachgoogele. Natürlich Treffer. Edgar Dahl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum der Dermatologie und Andrologie der Justus-Liebig-Universität Giessen ist „im Moment (...) als Visiting Fellow am Centre for Applied Philosophy and Public Ethics der University of Melbourne tätig“ - also typischerweise gut abgesichert. Er disputiert auch wissenschaftlich gerne mal, unter anderem verfasste er eine Abwägung zu dem Thema, ob Eltern, vorausgesetzt, dies sei technisch machbar, mit genetischem Eingriff die sexuelle Neigung ihrer Kinder vorherbestimmen dürfen sollten (Human Reproduction, Vol.18, No.7).
Ohne über den persönlichen Nährboden zu spekulieren, der eine solche Frage überhaupt erst aufkommen lässt, und eh ich wieder belehrt werde, dass man die Fachleute gefälligst machen zu lassen habe: Ich wünsche Dr.Dahl von Herzen solch genmanipulierten Nachwuchs, und dass der früh genug davon erfährt!

Patt

„Aber“, sagt die junge tschetschenische Autorin bei der PEN-Tagung in Speyer, nachdem sie von den Versuchen, sie am Beobachten, Berichten, das Unrecht Festhalten zu hindern, ihr die wirtschaftliche Basis, die Bewegungsfreiheit, ihren Mut und die Unvoreingenommenheit zu nehmen, ihr die eigene Sprache zu verbieten, die Heimat zur Fremde, zur verbotenen Zone zu machen, ihr ihre Äußerungen in den Mund zurückzustopfen, ihre Kultur in Frage zu stellen, die Identität ihres Volkes, das Streben nach Unabhängigkeit unter eigenen kulturellen und sozialen Regeln, sehr klar und nachvollziehbar berichtet hat, und dass sie für diesen Einsatz dann erwartungsgemäß ins Gefängnis kam und selbst dort nicht aufhören konnte zu schreiben - wie sie denn überhaupt an das Schreiben und vorher Studieren gekommen sei, fragt die ihr sehr gewogene deutsche Gesprächspartnerin dazwischen, als Frau in Tschetschenien, da sei sie doch strengen patriarchalen Gesetzen unterworfen -
„aber“, antwortet sie da, „wir haben doch 70 Jahre lang Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Sowjetunion -“

Geburtstagsständchen

24.5. Leipzig, zu Bob Dylans Geburtstag, eine Session mit Francis D.D. String und Sascha Gutzeit. War schön chaotisch - 2 Stunden Probe im Garten am Fluss, dann 2 Stunden Konzert - zu 3t für uns alle fast ausnahmslos neues Material, wir haben eine ziemlich ungewöhnliche Setlist zusammengestellt und die ganz langen Riemen weggelassen, weil der Laden, das Flowerpower, ein junges und eher hibbliges Publikum anzieht. War gut voll, als wir anfingen, wurde noch immer enger. Und das spielten wir:
Heut nacht (Tonight I'll be Staying Here With You)
Seven Days
Hochwasser (High Water)
TV Talking Blues
Der Weg ist lang (Coming from the Heart)
New Pony
Schlupfloch vor dem Sturm (Shelter From the Storm)
Just Like Tom Thumbs Blues ((als Bossa))
Noch ne Nacht (One More Night)
Where Teardrops Fall
Ugliest Girl in the World
Emotionally Yours
Ewiger Kreislauf (Eternal Circle)
Things Have Changed
Kotz dich aus (Get Your Rocks Off)
Rainy Day Women
Death is Not the End
Viel Blues, viel Impro, natürlich auch mal Leerlauf, denn wir hatten ja nix geplant, und da greift man schon mal gern auf vorhandene Floskeln zurück. Gegen Ende extatischer. Es gab ein bisschen Gemosere vom Publikum, weil wir nichts von uns selbst spielten und keine Dylan-Hits, aber die meisten mochten es. Mich nervten nur die Keyboards, ich will einen Flügel!
Anschließend brach eine Horde Junggesellen-besinnungslos-Suffkis in das Flowerpower ein, gut, dass wir kräftige Freunde hatten, ein schneller Abgang war geboten. So viel Gesülz und Geballere auf einmal und ohne Vorwarnung hab ich selten erlebt. Plötzliche Dumpf-Aggression und eine Strip- Einlage, wo es eben noch so leicht und inspiriert schwang, der gleiche Boden, die gleichen Wände...
Leipzig jedesmal eine schöne Stadt trotzdem.

Jugoslawien-Buch

Jeder hat seine Wahrheit, sagt man gern. Aber die Wahrheit, die Exaussenminister Fischer sein eigen nennt, der im gleichen März/April 1999 eine Einschätzung seines Ministeriums in einem Abschiebeprozess verantwortete, im Kosovo seien albanische Volksangehörige „keiner regionalen oder landesweiten Gruppenverfolgung ausgesetzt“, und sich vor den Bundestag stellte, um die Vertreibung und Vernichtung der Albaner durch Serben im Kosovo mit dem Genozid an den Juden zu vergleichen und damit um Zustimmung für seine Bombardierung Serbiens zu werben - ich fürchte, sie taugt überhaupt nichts. Was ist schon Wahrheit? Die Karriere ist gemacht, die Legende ist gestrickt, nach den Toten kräht kein Hahn. Der Kosovo ein unabhängiger Staat neuerdings, regiert von Leuten, die mit dem Organhandel ihrer frisch getöteten serbischen Gegner die nächsten Waffenkäufe finanzierten. Das erfährt man von Carla del Ponte, bisher Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, die ihr Buch mit diesem Detail ausdrücklich erst veröffentlichen wollte, sobald der Kosovo mit der ihn (ich nenn es mal so) befreienden UCK es in die Selbständigkeit geschafft hat. ‚Unsere‘ Armee regelt dort das Nötigste, und grad heut im Deutschlandfunk in einer Reportage über eine junge Soldatin in Pristina nannte der Sprecher die abgebrannten Häuser in der Altstadt als „von ehemals dort ansässigen Serben verlassen“.
Zu diesem grausligen Thema eine Lektüreempfehlung: Kurt Köpruner, Reisen in das Land der Kriege, Diederichs 2003. Die Recherchen des privat und beruflich mit Ex-Jugoslawien verbandelten Vorarlberger Geschäftsmanns über die Eskalation des Gewalt-Irrsinns seit 1990, dem er mit den Riesenaugen eines erschreckt-neugierigen Kindes entgegen - und nachsah, haben Sogwirkung. Achtung: Verschwörungstheoriegefahr - was ja nichts andres heißt als Fakten und Erlebnisse statt der Weismachungen aus FAZ, taz und gleichgeschaltetem Bekanntenkreis.

17.5. Aufbruch

Unter dem Vordach, zu fünft mit zwei Hunden, ein großes Frühstück, wir haben geprobt gestern in dem Zimmer zur Straße raus, manchmal sind Leute kurz stehengeblieben, waren dann in Polen essen, trinken anschließend, wollen jetzt nochmal alles kurz anspielen - „Ist das die Truppe“, fragt ein Nachbar, der vorbeischaut. Ja. Wird nur den einen Auftritt geben heut Abend im Grünen Salon, aber es klingt wie der Anfang zu einer weiten Tournee.

Nachtrag Pfingsten

Pfingstlager der Linkspartei am Werbellin-See und Pfingstfestival der evangelischen Jugend in Dresden. Zweimal fröhliche Massen unter dem strahlend blauen Himmel, an den wir uns in diesen Maitagen schon so gewöhnt haben, dass er wie selbstverständlich über uns liegt, und ich denke zweimal am Tag: Freue dich!
Das könnte auch das Motto für beide Veranstaltungen gewesen sein - einmal in formvollendeter Lässigkeit am märkischen See und einmal in demonstrativer Nüchternheit in der sächsischen Kulturhauptstadt. Im Sport - und Freizeitgelände hat das Bierchen frühmorgens den gleichen Stellenwert wie das Andachtsgebet mit klarem Kopf auf der Brühl-schen Terrasse. Und so weit voneinander entfernt Jugendfunktionär der Linkspartei und Jungscharleiterin der evangelischen Jugend sich fühlen werden, die schlecht sitzenden Shorts, hastig gerauchten Zigaretten, die vorquellenden Fettpölsterchen und selbstbewusste Wurstigkeit eines: Hier-bin-ich-ich-denn-nur-hierher-gehör-ich - Selbstgefühls haben sie beide, teilen sie, auch wenn sie sich das nicht mitteilen.
Was nehme ich mit: Eine DVD mit dem grade mit 101 verstorbenen Volksschauspieler Geschoneck, oder eine mit Reden von Helmut Gollwitzer, dem Widerstandstheologen aus meiner Dahlemer Nachbarschaft? Nix davon (obwohl man vielleicht beides nirgendwo sonst so einfach bekäme).
Dafür eine neue Erfahrung im Improvisieren. Ich höre in Dresden beim Eintauchen in den ‚Bärenzwinger‘ den Leipziger Sänger Francis D.D. String mit seiner Band, sie spielen Dylan, ich muss lachen, weil er immer mindestens zwei, drei Worte pro Zeile weglässt, sich deshalb gesanglich um so mehr in Anfang und Ende reinlegen kann, die Melodien feiert mit so viel weniger Ballast („crickets are talk (unverständlich)... in the wind“ - lache begeistert und klatsche, da bittet er mich auch schon auf die Bühne, sie spielen den Anfang von ‚shelter from the storm‘, zu dem ich ja eine deutsche Fassung habe. Die ich natürlich nicht auswenig kann, deshalb will ich eigentlich sofort abwinken und mich verkriechen. Aber dann frag ich mich, wieso ich grade so fröhlich war. Ich vergegenwärtige mir die ersten Zeilen, klettere hoch und sing los, lasse weg, was mir grad nicht einfällt, steigere mich in die Fetzen - das Ende jeder Strophe ist ja sowieso klar: „Komm rein, sprach sie, ich geb dir ein Schlupfloch vor dem Sturm.“
Ich glaub, ich hab noch ein paar Leute mehr fröhlich gemacht.

Freitag, 9. Mai 2008

...

Das erste Schwimmen unter freiem Himmel im Jahr, eine der kleinen Traditionen, von denen es in meinem Leben jedenfalls viele gibt, soll hier im Frühling stattfinden (und nicht im Februar auf Gomera oder so) und bei noch sehr kaltem Wasser. Also war es heut genau richtig, ich blieb knappe zehn Minuten im Parsteiner See, erst hüfthoch, dann mit einem Sprung rein in die Wellen, an der entlegenen Badestelle, wo einen bestimmt keiner findet, wenn man dann doch mal einen Herzschlag kriegen sollte in der Kälte, aber das wäre völlig gegen die Tradition, und es war ja auch toll, auch das Rausschwimmen, wenns immer wärmer wird trotz so eines inneren Bibberns und Frierens, das man aber durch eilige Arm - und Beinbewegungen fast wettmachen kann, mindestens übertönen, sodass es tatsächlich wärmer wird in dem Wasser, und nur die Vernunft sagt: Jetzt aber raus, und man ziert sich noch eine Weile, wie’s sich gehört nach der Tradition, und dann draußen ist es, obwohl die Sonne knallt, plötzlich kalt, eiskalt, als hätten Wasser und Luft ihre Lagen getauscht, und so bleibt es, die innere Kälte strömt langsam nach draußen, sehr langsam... Ist das Wetter nicht anders seit heut nachmittag?, also ich finds frisch...

Das Böse (Zwischenmeldung)

Eine Woche vorbei, und die Meinungen, die ich zu der ‚Inzest-Familie‘, wie ichs da noch nannte, ganz fest gefasst hatte, sind aufgeweicht, verändert, umgeformt. Das ist gut, aber schwach trotzdem auch.Ich lerne, dass die Tätigkeit eines Polemikers ein Handwerk mit eigenen Kniffen ist.
Zum Beispiel muss die griffige Formulierung einer Entwicklung standhalten. Nach wie vor bin ich nicht bereit, die Ehefrau des Verbrechers als nichtsahnendes Opfer zu sehen, aber mein Vergleich mit den Gattinnen von KZ-Kommandeuren kommt mir im Licht der weiteren Berichte auch überzogen vor. Ich denke sogar manchmal: Was mischt du dich da ein? Trotzdem ich eigentlich nicht bereit bin, mir so ein duldend unschuldiges weibliches Nichtsahnen über Jahrzehnte weg einreden zu lassen. Oder sogar Mitleid dafür zu empfinden. Die duldende Täterfrau ist eine Mittäterin.
Gewohnt bin ich nach einer Woche Presseschau und Gesprächen die Kritik an meiner Aufgeregtheit und Übertriebenheit. Statt erstmal leise das Entsetzliche wirken zu lassen, musste ich gleich Schuldige suchen. ‚Sie ist so alt wie ich. Ich sehe, was ich alles erlebt habe seit dem 18. Lebensjahr, entscheidende Jahre, und stell mir vor, was sie erlebt hat seitdem. Im Keller.‘, sagte ein Freund - unzählige Leute stellen sich das jetzt vor, dieses Keller-Dasein.
Aber trotzdem kann ich, im Gegensatz zu vielen um mich rum, keine Medienschelte beginnen. Die Jagd nach Aussagen, Fotos, Hintergründen findet für jeden von uns statt, die wir diesen ‚Fall‘, ‚Tragödie‘, dieses ‚Elend‘ (wie sagen?) verfolgen. In der hektischen Neugier der Medien sehe ich nichts eigentlich Widerliches, höchstens extrem Lästiges für die Betroffenen. Widerwärtig finde ich oft das Wie der Berichterstattung. Wie aus dem ‚Monster‘ ‚der Fritzl‘ wird, nur einen kleinen Abgrund weg vom ‚Pfundskerl‘, dessen Potenz man bestaunt, dessen Fickurlaubsfilme man mit verschämtem Grinsen zur Schau stellt. Wie man so tut, als wäre der Kern dieses Verbrechens der familiäre Inzest (ein Gedanke, den ich von Bov Bjerg übernehme) und nicht die unablässige Vergewaltigung, das Wegsperren, der Lebens - und Weltentzug.
Widerlich, wie die damals verantwortlichen Behörden, die das Mädchen nachhaus zurückbrachten und ihre Befreiungsversuche aus der Vergewaltigungskette als ‚Abenteuerlust‘ ‚missverstanden‘, sich weigern, von Fehlern, geschweige Schuld überhaupt zu reden. Bloß nichts zugeben. Widerlich, wie die Kirche zu diesem ihrem abgeirrten ‚Schaf‘ schweigt. Geschweige zur eigenen Zuarbeit zu den Verbrechen.
Ich komme nicht klar mit denjenigen, die diesen ‚Fall‘ für ein Singuläres, ein nicht erklärbares Unfassbares etc. halten. Ich sehe, was da passsiert ist, als ein paar Schritte quer auf dem Boden unserer Normalität, als Zuspitzung. Was Elfriede Jelinek dazu geschrieben hat, erreicht mich. Was passiert ist, jetzt allein der Routine von Psychologen und Rechtsfachleuten zur Klärung zu überlassen, als wärs eine Abweichung von an sich guter Norm, fände ich bedrohlich. Denn die Norm gibt es vielleicht nicht. Dass ‚Frau und Kinder und Gepräge‘ eine Art Eigentum des Mannes in der Familie sind, ist offenbar noch nicht überwunden, weder psychisch noch rechtlich so ganz. Umso weniger ‚Familienautonomie‘ es gibt, desto irrer gebährden sich vielleicht die ehemaligen kleinen Herrscher. Und umso isolierter und machbarer Sex alles prägt (fast das Verlässlichste in dieser deregulierten Welt), desto dumpfer wird er dann eben auch isoliert und gemacht. Die Menschen dazu gehören einem ja noch...
Aber schon wieder DEUTUNGEN. In einer Woche sieht alles anders aus.

Dienstag, 6. Mai 2008

Zum Hundertneunzigsten

Zwischenstopp in Chemnitz, für eine Lesung zum Geburtstag von Karl Marx, vor seinem eingerüsteten Monumentalkopf, von 10-20 Uhr, jeder liest 5 Minuten lang, eingeladen von Sabine Kühnrich und Ludwig Streng. Hier ist es windig, das Häufchen Leute freundlich miteinander, eine alte Frau hat eine russische Fassung des Manifests geholt, dann lesen ein ehemaliger Superintendent und ich zwei flotte Kapitel aus einem Kinderbuch über Charlie, der die richtigen Fragen stellte (sehr ähnlich wie Randy Newmans schönes Lied über Marx), dann kommt eine ganze Gruppe, die sich den Anfang des Manifests mit verteilten Rollen nochmal vornimmt. Schock: Es ist wie grad eben, für jetzt und alle geschrieben. Muss damals science fiction gewesen sein. Die Vereinnahmung jeder Weltecke, fernster Sitten durch Tauschwert, globale Ethik für globales Gewinnstreben in private Hand, die Verelendung der ungeheuren Menge, Vertun der Reichtümer. Und die zwangsläufige Gegenkraft(shoffnung).
So neu wie nichts, findet dies kleine Häufchen.
„Wenn ich Dialektik höre, muss ich kotzen“ (H.Karasek) - grad noch ganz weit vorn, jetzt schon so weit ab und hinten.

unterwegs

Von Regensburg, „der nördlichsten Stadft Italiens“, wie sie gestern der junge Techniker ein bisschen stolz nannte, hoch durch die Oberpfalz in den Frankenwald und ins Vogtland. Die Lieblichkeit lässt nach, hinter Markredwitz ist sie verschwunden. Mir fällt ein, wie ich hier mal der Gast eines schwulen reichen Chemikers war, der knapp beim Essen bemerkte, er habe ein Gift, dass in die Speisen gemischt erst nach Monaten wirke, tödlich und unbeweisbar, ich wurde schlagartig überfreundlich und dann ruppig zu ihm, weil ich dachte, dass er meine Heuchelei sicher spürt.
In Hof (wo ich gleich umsteigen muss), hatte ich meinen ersten Festivalauftritt solo, bei Mike Thulke, einem Veranstalter, der mich seitdem nicht mehr mit dem Arsch angesehen hat, 1982 als Vorprogramm für Kevin Coyne & Band. Ich begeisterte, glaub ich, niemand. Damals, im Aufschwung der Rakete-Werbung, hatte ich sooft Gegelegenheit, vor einem großen Publikum zu spielen mit so wenig Resonanz, dass ich mich wundere, wie wenig es mich entmutigt hat.
Kevin Coyne kam wie ein Sandsturm. Bis zum Rand vollgetrunken sturztrocken. Er sprang zum Getriebe der Band von der Bühne ins Publikum, zurück, an die Decke, er war ein Koma-Getöse. Minuten vorher noch wie aus einem Tiefschlaf hochgetaucht, prallte er sofort von Auftrittsbeginn aus seinen körperlichen und seelischen Grenzen. Der Ex-Psychiater, der Bahnhofsobdachlose in Nürnberg in spe. Lied für Lied, Salve für Salve, ein Ur-Gefühlsmotor mit Züngelfeuerstimme.
Nachher verschwanden sie alle in Richtung München, Kevin ‚on the back of the bus‘, während ich brav der Lokalreporterin ein paar Fragen beantwortete und ins Pensionszimmer zog. 12 Jahre später moderierte ich eine Sendung in Köln, und Kevin sollte mein Gast sein. Mir war klar, dass er mich als einen vollkommen Fremden begrüßen würde. Er sah mich hinter den Reglern, hielt mir die Hand hin und sagte: „Good to see you. We met in Hof some years ago. Bei Mike Thulke.“
„Er hat nie eine Pause gemacht“, sagte Helmi Coyne, seine Witwe, die mir in Nürnberg vorletztes Jahr eine CD mit seinen letzten Aufnahmen gab. Die ich allen ans Herz lege, die ein klares, fast rohes Gefühl vertragen. Er war dann trocken, lebte in Franken, fern von Ruhm und Lockung der früheren Jahre, unentwegt als Gitarrist, Zeichner, Romancier, Texter und Sänger tätig. Der das wie Atmen brauchte (tatsächlich spielte er seine letzten Auftitte mit Maske und Atemgerät, die Lungen waren zu schwach). Ein großer Künstler.

Samstag, 3. Mai 2008

kreuz & ...

3,10 € für einen Kaffee im Zug, an den Platz gebracht - ich sage "5" und denke im gleichen Moment: etwas großzügig, oder? Das sagt auch gleich der Freund, mit dem ich reise. Die ältere Dame uns gegenüber nimmt zum ersten Mal in diesem Abteil das Wort: "Man soll aber immer nur 10 Prozent Trinkgeld geben allerhöchstens." Ich fahre auf: "Wer will mir das denn vorschreiben?" Und muss mal wieder für eine Weile einen Standpunkt vertreten, der mir grad noch egal war.
So komme ich zu meinen Meinungen.

Ein Nachtrag zur 'Wissenschaft der Seelenkunde'.Schreibt der Tagesspiegel von heute: „Hunderte Unbeteiligte reisen dieser Tage nach Amstetten. Sie fühlen sich von dem Geschehenen einerseits abgestoßen, andererseits angezogen. ‚Faszination des Abscheulichen‘ heißt das Phänomen in der Pschologie.“

„Manchmal holen alle Musiker eines Orchesters im gleichen Moment soviel an Lautstärke aus ihren Instrumenten, wie es nur geht. ‚Das laute Orchester‘ heißt das Phänomen in der Musikwissenschaft.“

Freitag, 2. Mai 2008

Das Böse

In diesem sanften Frühling möchte ich mit einer Sammlung von Beobachtungen und Betrachtungen beginnen, unregelmäßig, aber - wie ich mir jetzt vornehme - nicht selten.
Heute vier Gedanken zu der Inzestfamilie in Österreich.

Wenn ich manchmal daran zweifelte, hat sich meine Meinung zu Psychologen, Psychiatern, Psychotherapeuten (und was es dazwischen an ‚Schulen‘ alles gibt) noch gefestigt: Keine Berufsgruppe sonst, die sich so mit dem bloßen Meinen, Dünken, Zurechtschieben, Aufplustern von Klischees, mit dem Verkaufen eines Vor-Wissens und Vor-Urteilens, das zur Grundausstattung aller Menschen gehört, durch das berufliche Leben bringt. Handwerkliches Können eine Art Jenseits-Theologie in der ‚Wissenschaft‘ der Seelenkunde. Es war an Deutungen ja ziemlich alles vorhanden, jedes Gegenteil auch, aber nichts hätte irgendetwas vertieft, erklärt (was bedeutet hätte: verständnisinnig betrachtet), hat einem nur einen kleinen Aspekt des sogenannt Monströsen etwas näher gebracht. Wer braucht solche Un-Könner? Experiment: Man tausche eine xbeliebige LKW-Fahrerin mit einer xbeliebigen Psychologin (um nicht immer von Männern zu reden) - ich behaupte: Der LKW hat einen Unfall, die psychologisch Betreuten merken auf Dauer keinen Unterschied.

Man braucht sie aber doch, die ‚Seelenklempner‘, genau wie die Arbeitskollegen aus Sozialbehörden und Polizei. Man braucht Deutung. So erklärt z.B. schon 24 Stunden nach Entdeckung des Verbrechens ein Polizei-Politiker, es sei weitgehend aufgeklärt. Der Täter habe ja gestanden. Und er sei allein, DER EINZIGE UND SEIN EIGENTUM. So heißt ein anarchistischer Klassiker aus dem 19.Jahrhundert, und das ist hier die offizielle Maßgabe, an der sich alle Deutungen auszurichten haben, wenn sie sich nicht außerhalb des Chors der Kommentatoren stellen wollen. ‚Wir haben es mit einem monströsen Einzeltäter zu tun‘ - der mal ichschwach-triebgesteuert, mal dominant-berechnend, mal heiß, mal kalt gezeichnet wird, aber immer solo verantwortlich. Dazu braucht man die Psycho-Gang: Um ein verwirrendes Netz von Möglichkeiten über die staunende Öffentlichkeit zu werfen, die folgende Frage vergessen soll: Wer hat denn das Hauptopfer, Mutter von sieben aus Vergewaltigung entstandenen Kindern, als 16 - und 18jähriges Mädchen zu seinen Eltern, als es vor den Verbrechern fliehen wollte, zurückgelockt? Wer weiß denn davon, dass die junge Frau schon mit 11 (manche sagen, mit 13, aber dass, ist wohl unbestritten), vom Vater vergewaltigt wurde, wenn nicht Behördenmenschen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen (um auch mal wieder von Frauen zu reden), die sie anschließend offenbar ermutigten, sich doch neu im ‚Kreis der Familie‘ einzugliedern, es ‚nochmal zu versuchen‘? Wer sind denn diese Personen, die so vor 25/27 Jahren handelten, spüren sie eine Verantwortung, nehmen sie die Witterung einer eigenen Schuld auf? Politik, ‚Fachleute‘ und Journaille decken diese Beihelfer zum Verbrechen mit Schweigen.

Stichwort Beihilfe. Dass Nachbarn, Mitmieter, Freunde der vielen Kinder, Familienfreunde nichts mitbekommen haben wollen vom Verlies über 2einhalb Jahrzehnte weg, mag man mühsam glauben. Dass ‚der Keller‘ bei denen oben im Haus kein, zumindest verschwiegenes, Thema war, ist phantastisch - und Phantasik doch eigentlich genau das, was die Neugier von normalen Kindern anregt, also auch so gesehen kaum vorstellbar, dass keins von den fröhlichen, intelligenten, Chor und freiwillige Feuerwehr bevölkernden ‚Erster-Stock-Heranwachsenden‘ da jemals nachgeforscht hätte. Aber dass die eigene Ehefrau, Mutter/Großmutter vom Treiben ihres Mannes nachts, von der wahren Herkunft der ’auf der Schwelle gefundenen Bälger‘ nichts ahnte, ist unzumutbarer Blödsinn. Sie ahnte so wenig davon wie die Ehefrauen von KZ-Kommandeuren vom Gastod der netten Hausangestellten, die plötzlich nicht mehr das Frühstück ans Bett brachten. Sie ahnte wahrscheinlich so viel, dass sie nichts mehr wagte, denn es hätte die eigene Existenz gekostet. Tragisch kann man das nennen - aber ist sie dehalb weniger Mittäterin? Auch sie wusste doch von der Vergewaltigung ihrer halbwüchsigen Tochter durch den Mann, ließ trotzdem das Kind wieder in den ‚Familienkreis‘ hinein, anstatt ihm gegen Konvention und eigenes Wohlbefinden die Freiheit und Selbstbestimmung zu ermöglichen, die das Verbrechen vielleicht verhindert hätten. Vielleicht war ihr dieses Opfer (von dem man nie sprechen musste) als Ablenkung aber sogar ganz willkommen? Warum wird diese mögliche Mitwisserin ‚betreut‘ und nicht ausgeforscht? Warum klagt man diese mögliche Mittäterin nicht an?

Weil es sich um ein Verbrechen im Schoß der geschützten christlichen Einehe handelt. Schon der Haupttäter wird, seiner Grausamkeit zum Trotz, als Ehrenmann behandelt: Man stelle sich einen linksradikalen Attentäter vor, der zufällig schwul ist - hundertpro landete der in einer Mehrbettzelle in U-Haft und nicht ‚zum eigenen Schutz‘ im Zweibettzimmer (Doppelschutz: vor dem Mob und Selbstmordgelüsten, wahrscheinlich mit einem Psychologen, der sich für nichts zu schade ist, auf der Nachbarpritsche). Ehrensache auch, dass die Familie eigentlich ‚aus allem rausgehalten‘ werden muss, Missbrauch einen kleinen Fehler im System und nicht das Ende der Institution bedeuten darf - dass anhand dieses Falls bloß nicht die Rede auf das VERBRECHEN FAMILIE kommen soll. Das könnte schnell passieren. Wie hätten sich unsre Meinungsführer die Mäuler zerrissen beim gleichen Fall am gleichen Ort unter islamischen Vorzeichen! Das gleiche Verbrechen wäre plötzlich immanent, geradezu von Religion und Sitten hervorgerufen, also gar nicht mehr so sehr monströs. Herr Broder hätte die Vertreibung der Moslems aus Österreich gefordert und Frau Schwarzer wiedermal eine amerikanische Invasion im Iran. Es liegt so nahe, das jetzt auf den Katholizismus zu beziehen, auf diese unselige Mischung von patriarchaler Herrschaft, Hexen-Triebunterdrückung und verkitschtem Mutter(gottes)bild. Wie die katholische Lebensverachtung das Rechtssystem prägt, zeigt sich übrigens schon an dem erbämlichen Fakt, dass Täter Fritzl wohl nur dann lebenslang hinter Gittern bleibt, wenn ihm der Mord am drei Tage alten Zwillingsbaby auch noch nachgewiesen werden kann. Das (möglichst ungeborene) Leben weit höher gehandelt als die Sklaverei der längst Lebenden - das ist der offizielle Katholizismus. Mit Glauben hat es so wenig zu tun wie Kotzen mit einem feinen Zusammenspiel der Geschmacksnerven.

Familie Fritzl, eifrige Kirchgänger, eine angesehene Familie am Ort. Statt der händeringenden Nachbarn stelle ich mir jetzt den Beichtvater vor, den es vielleicht gegeben hat, der vielleicht schon seit ein oder zwei Jahrzehnten von der Tat und ihrem Fortdauern wusste. Vielleicht war der anonyme Anrufer er, vielleicht hat er 23einhalb Jahre lang geschwiegen. Vielleicht waren es mehrere, die das Geheimnis weitergaben. Oder mit sich nahmen. Denn die Beichte ist heilig. Die es in Kauf nahmen, dass an ihrem Ort in einem Verließ ein paar Menschen vegetierten unterhalb der Schwelle des für die Gattung Akzeptablen. Vielleicht segneten sie den Täter, nachdem er gebeichtet, gebetet, gespendet hatte. Und hielten dicht. Man schreibt jetzt gern: ‚Wie konnte so etwas im Land Sigmund Freuds geschehen?‘ Meine Frage geht: Wie kann man einem religiösen MUMMENSCHANZ, nach all dem, was man (dank Freud und so vieler anderer) über die Menschen weiß, das Ermöglichen und Vertuschen solch übler Verbrechen zubilligen? Dieser Fall müsste ‚uns‘ dazu bringen, ein laizistischer Staat zu werden. Wie Frankreich, wie die Türkei. „Der Mensch ist zu allem fähig“ - ein nicht sehr verheißungsvoll klingender Satz. Weil er stimmt, heißt das für mich: Nicht die Erscheinungsformen des Bösen bestarren, sondern die Wurzeln ausgraben. Damit „zu allem“ irgendwann mal ‚zu allem Tollen‘ bedeuten kann...

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